Thomas Pynchon

Schattennummer

Roman
Cover: Schattennummer
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN 9783498008222
Gebunden, 400 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Milwaukee, 1932: Amerika steckt in der Großen Depression, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Al Capone sitzt im Knast. Hicks McTaggart, Privatdetektiv, nimmt einen Routinejob an: Er soll die ausgebüxte Erbin eines Käse-Fabrikanten ausfindig machen und nach Hause bringen. Doch unversehens findet er sich auf einem Ozeandampfer wieder und landet schließlich fern jedem Seehafen in Ungarn, wo eine Sprache wie von einem anderen Stern gesprochen wird und es genug Backwaren gibt, um einen Detektiv bis ans Lebensende zu versorgen, aber jede Spur von der flüchtigen Erbin fehlt. Als Hicks sie endlich gefunden hat, steckt er bis zum Hals in Verwicklungen mit Nazis, sowjetischen Agenten, britischen Gegenspionen, Swing-Musikern und Liebhabern paranormaler Praktiken. Der einzige Hoffnungsschimmer am Horizont: Es kündigt sich die große Zeit der Big Bands an, und zufällig ist Hicks ein ziemlich guter Tänzer. Ob das ausreicht, um im Lindy-Hop-Schritt nach Milwaukee und in die normale Welt zurückzukehren, die es vielleicht gar nicht mehr gibt, steht auf einem anderen Blatt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.10.2025

Mit Freuden verirrt sich Rezensent Thomas David in diesem neuen und womöglich letzten Roman Thomas Pynchons. Diesmal heften sich die Leser an die Fersen des Privatdetektivs Hicks McTaggart, die Handlung setzt im Milwaukee des Jahres 1932 an, die Hauptfigur soll eine verschwundene Industriellentochter aufspüren. Das behauptet jedenfalls, präzisiert David, der Klappentext, die vermeintlich geläufige Hard-Boiled-Erzählung, die da angedeutet wird, gestaltet sich im Buch selbst aber natürlich deutlich verwirrender und barocker. Wie vom Blitz getroffen irrt McTaggart durch die Welt des Romans, beschreibt David, begegnet dabei unter anderem einem "Al Capone des Käses" und schifft sich schließlich gen Ungarn ein, wo der Roman sich schließlich in eine Art karnevaleske Faschismusreflexion verwandelt, die als eine Art historisches Prequel zu Pynchons "Die Enden der Parabel" funktioniert, erkennt der Kritiker. Wie der Autor überhaupt zahlreiche Spuren in Richtung seines eigenen Werks legt - erfahrene Pynchon-Exegeten werden ihre helle Freude haben an dem Buch, ist sich David sicher. Auch er hat Spaß an den vielen wirren Fährten, die dieser Text versammelt und zählt einige der skurrilen Begebenheiten und Figuren des Buches auf, von explodierenden Lastwagen über ein ungarisches Mardi Gras bis zu Drehtüren mit Umkehrpunkt, die die Reihenfolge der sie Betretenden durcheinander bringen. Was den Rezensent jedoch am tiefsten beeindruckt, ist, wie es Pynchon gelingt, hinter seinem metafiktionalen Spiegelkabinett am Ende doch eine finstere Realgeschichte greifbar werden zu lassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.10.2025

Einen ganz wunderbaren neuen und vielleicht letzten Roman legt Thomas Pynchon hier vor, jubelt Rezensent Paul Jandl. Ein weiteres Mal erweist sich Pynchon als ein Sprachkünstler, dessen Werk sich nicht auf Botschaften oder eindeutige historische Parabeln eindampfen lässt, lobt der schwärmerische Rezensent. Diesmal beginnt alles im Milwaukee der 1930er, auch die Provinzstadt wurde vom Jazz Age und einem vom organisierten Verbrechen beförderten Rausch ergriffen, mittendrin befindet sich die Hauptfigur Hicks McTaggart, ein Privatdetektiv, der eine mit einem jüdischen Musiker durchgebrannte Industriellentochter wiederfinden soll, referiert Jandl. Das ist natürlich nur der Anfang, den weiteren Verlauf der Geschichte, die uns später nach Ungarn führt, kann man laut Rezensent kaum nacherzählen - Pynchon macht schlicht wieder einmal, was er will. Jandl zählt einige Handlungssplitter auf: ein U-Boot kommt vor, außerdem explodierender Käse, eine ausnehmend hässliche Lampe und nationalsozialismusaffine Swing Boys. Dystopisch geht es zu, auch ein großer historischer Schrecken lauert im Hintergrund, gleichzeitig berauscht sich Pynchon jedoch auch Ideen, die Screwball-Komödien entstammen können, so Jandl. Letztlich ist das Buch, das machen schon Figurennamen wie Godwin Zipf oder Glow Tripforth del Vasto deutlich, für den Rezensenten vor allem ein großes Sprachkunstwerk, das von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren kongenial ins Deutsche übertragen worden sei. Auch das Finale, soviel möchte Jandl vorwegnehmen, ist Pynchon ganz wunderbar gelungen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 17.10.2025

"Eskapismus mit Stachel." Rezensent Jan Wilm ist begeistert von diesem Roman. Er ist "seiltänzerischer" als die Vorgänger und darum für Einsteiger ins Pynchon-Universum besonders gut geeignet, meint er. Pynchon weiß, wie man einen historischen Krimi - dieser spielt in den 1930ern - so erzählt, dass die Parallelen zu heute deutlich werden, ohne ausbuchstabiert zu werden. Trotzdem scheint dies nicht direkt ein politischer Roman zu sein, sondern vor allem eine sehr emotionale Geschichte über einen Eigenbrötler, versichert der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2025

Für Pynchon und seine Romane ist es ja schon klassisch, dass sie sich nicht so recht festlegen lassen, hält Kritiker Dirk Knipphals fest, das hat sich auch beim neuesten Buch nicht geändert. Es spielt um 1930 in den USA und verknüpft auf gewohnt unmögliche Weise eine Detektivgeschichte um den Ermittler Hicks McTaggert, die Rettung einer Käse-Erbin, Musik und das Erstarken des Faschismus, erfahren wir. Knipphals kommt aus dem Schwärmen um die Pynchonsche Erfindungsgabe kaum noch heraus, besonders die kunstvoll miteinander verschraubten Handlungsteile in den USA und Europa, die den Figuren klarmachen, dass jetzt der Antisemitismus herrscht und alles anders ist als zuvor, wissen zu überzeugen. Mehr Pynchon lesen, resümiert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025

Solch ambitionierte Literatur erfordere Zeit, bemerkt Rezensent und langjähriger Pynchon-Leser Andreas Platthaus über das Schaffen des öffentlichkeitsscheuen wie einflussreichen Thomas Pynchon. Laut dem Kritiker erschafft Pynchon in seinen Texten immer Grotesken vergangener historischer Ereignisse, die sich jedoch stets den "Gefahren unserer Gegenwart" widmen. Elf Jahre nach seiner letzten Publikation meldet sich der inzwischen 88-jährige Pynchon mit einer neuen Farce. Platthaus folgt ihm diesmal ins Jahr 1932, in die Weltwirtschaftskrise und das letzte Jahr der amerikanischen Prohibition. In der amerikanischen Bier-Hauptstadt Milwaukee floriert nach staatlich auferlegtem Alkoholverbot der Schwarzmarkt. Als eines Tages ein vom Kleinkriminellen Stuffy Keegan gefahrener Alkoholtransporter in die Luft fliegt, wird Detektiv Hicks McTaggart angeheuert, um den verschwundenen Keegan sowie Daphne, die mit ihm ausgebüxte Tochter eines reichen Käse-Moguls, aufzuspüren. Es entspinnt sich eine Pynchon-typische, "lustvolle Vaudevillehandlung", die McTaggart bis nach Europa führt. Platthaus erkennt viele Motive aus dem bisherigen Werk des Autors wohlwollend wieder, darunter die Existenz einer zutiefst hässlichen Lampe, die auch hier der Ironisierung der Aufklärung ("enlightenment") dient. Hinter solch absurden Beschreibungen lauert aber "ein Dämon", der nicht unterschätzt werden sollte, warnt der Kritiker. Unvorstellbar für ihn, dass bald vielleicht keine weiteren Romane mehr folgen könnten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.10.2025

Rezensentin Sylvia Staude lässt sich sehr gerne vom Wimmelbild-Strudel mitreißen, den der inzwischen 88-jährige Thomas Pynchon in seinem neuen Roman über die Lesenden hereinbrechen lässt. Die Handlung dieses "400 Seiten langen, schneidigen vrooms" lässt sich nur schwer zusammenfassen oder gar begreifen, doch Staude probiert es: 1932, im amerikanischen, von wirtschaftlichen Nöten geplagten Milwaukee verschwindet eines Tages der Multimillionär Bruno Airmont gemeinsam mit seiner Tochter Daphne. Privatdetektiv Hicks McTaggart, ein bei Pynchon sehr verbreiteter Figurentypus, wird beauftragt, um beide zu finden. Seine Reise führt ihn auf unerklärliche Weise unter anderem auf einen europäischen Dampfer und in das von Vampiren und Golems bewohnte Transsilvanien. In rascher Abfolge lässt Pynchon so in bemerkenswertem Detailgrad und brillanten wie auch anspielungsreichen sprachlichen Abwegen die unterschiedlichsten Figuren auftreten, die alle nur einen kurzen Moment zum Glühen erhalten, bevor es den Roman weiterzieht. Das alles, die unfehlbaren Dialoge und Pointen, das sichere Gefühl für Bilder, kann sehr viel Spaß machen, aber in seiner Perfektion mit der Zeit auch ermüden, seufzt Staude. Überrascht ist sie vom kleinen Happy-End, das ihr der sonst eher pessimistische Pynchon liefert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025

Thomas Pynchon, der "Virtuose der Paranoia", hat einen neuen Roman geschrieben, Rezensent Jörg Häntzschel ist gespannt, wie er mit der Realität umgeht, die mittlerweile fast verdrehter ist als seine Bücher. Pynchon aber verlegt seine Romanhandlung kurzerhand ins Jahr 1932, auch wenn Häntzschel aus dem, was passiert, durchaus Gegenwartskommentare herauszulesen meint. Sein Protagonist, Privatdetektiv Hicks McTaggart, lebt am Lake Michigan, tanzt viel, macht sich Sorgen um den in Deutschland aufsteigenden Faschismus und muss dann zwei Bomben in seiner Heimatstadt aufklären, wie wir erfahren. Pynchon verknüpfe damit die Geschichte der Erbin einer Käsefabrik, die Hicks auf eine wilde Reise durch das "hypernervöse" Europa mitnehme. Abgedreht, unterhaltsam, manchmal albern und typisch Pynchon, befindet Häntzschel.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.10.2025

Alle "Ingredienzen des Pynchonesken" sind auch in diesem Roman des mittlerweile 88-jährigen Autors von "Gravity's Rainbow" vorhanden, verspricht Richard Kämmerlings in einer nachgerade atemlos zu lesenden Kritik. Mit Mitteln des Roman noir und einem Privatdetektiv namens Hicks mixt Pynchon ein grellbuntes Panorama der Zeit um 1930, in Amerika und in Europa. Und je mehr Kämmerlings liest, desto mehr geht ihm auf, dass der Held des Romans - der natürlich über eine Millionenerbin ermitteln muss - in einer "Kulisse eines sich zuspitzenden Weltbürgerkriegs" herumstolpert, die irgendwie auch an die Gegenwart erinnert - oder erinnert die Gegenwart eher an die Zeit des heraufziehenden Faschismus? Kämmerlings gibt keine abschließende Antwort - aber eine Leseempfehlung ist seine Kritik allemal.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.10.2025

Das ist er also, der neue Pynchon, und zunächst ist alles beim alten, findet Rezensent Christian Metz: Wieder geht es um einen, der etwas sucht, in diesem Fall heißt er Hicks McTaggart, und außerdem geht es um die Suche selbst. Dass der Name an einen widerborstigen Hinterwäldler denken lässt, ist, so Metz, kein Zufall, tatsächlich handelt es sich um einen Privatdetektiv, der in der Welt der 1930er, in der das Buch spielt, an allen Ecken und Enden Verschwörungen wittert. Dieser Hicks gerät dann, in wilde Geschichten, er sucht eine Frau namens Daphne, gleichzeitig sind ihm Gangster auf den Fersen, nicht zuletzt spielt eine Käserei eine wichtige Rolle. Metz stürzt sich in seiner Rezension noch ein wenig tiefer in die Wirren des Plots, der zuerst in einem unwirtlichen Milwaukee, später in Ungarn angesiedelt ist, und weist außerdem auf einige kreative Sprachspiele hin, die zum Beispiel um Infektionsmotivik kreisen. Sehr interessiert ist Metz an der Art und Weise, wie hier das Suchen als kulturelle Praxis selbst zum Thema und als wandelbar beschrieben wird. Eben weil es bei einem solchen Konzept der Suche keine Sicherheiten geben kann, ist Schlagfertigkeit und Musikalität wichtig, beschreibt der Rezensent weiter, und eben die findet er in den brillanten Dialogen Pynchons, die ihn an Jazz erinnern. Die Krone setzt dem allem freilich auf, so der zunehmend enthusiasmierte Metz, dass hier andauernd Dinge gleichzeitig da und weg sind, ein weiteres typisches, hier genial exerziertes Pynchon-Motiv. Am Ende bringt die Rezension den neuen Pynchon auf die Formel "metaphysisches Erzählen im postmetaphysischen Zeitalter" und erklärt ihn zum veritablen Meisterwerk.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2025

Zwölf Jahre lang hat man von Thomas Pynchon, diesem Großmeister so schwer durchdringlicher wie grotesker Plot-Labyrinthe nichts mehr gehört, und als ob der Autor gerade auf die Vergeblichkeit jedweder Deutung von Wirklichkeit (oder seiner eigenen Literatur) hinweisen will, steht in diesem Roman, wie schon in den beiden vorangegangenen, eine Ermittlerfigur im Vordergrund, beobachtet Rezensent Dirk Peitz: Ein Privatdetektiv verstrickt sich zur Zeit der Prohibition in eine Gemengelage aus Bombenlegern und abhanden gekommenen Mafiabräuten, schließlich verschlägt es ihn nach Europa, wo sich die Herrschaft der Nazis und damit auch der Zweite Weltkrieg am Horizont abzeichnet. Mit diesem Ortswechsel wandelt sich auch der bis dahin offenbar sehr solide Hardboiled-Roman im Ton, stellt Peitz fest: Pynchon lässt Plot, Figurenensemble und Stil mal wieder rigoros implodieren, spielt mit der Möglichkeit des Übersinnlichen, doch wirkt das auf den Rezensenten eher beliebig, wie eine Masche: "Komplex gebaut ist davon nichts." Womöglich bildet dieser Roman im Verbund mit den beiden Vorgängern eine Art Gesamtschau des 20. Jahrhunderts im Stil der Genreliteratur, fragt Peitz sich abschließend - und verzweifelt darüber, dass man dies beim notorisch jede Öffentlichkeit meidenden Autor leider nicht nachfragen kann.

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