Trotz zahlreicher Studien zur wilhelminischen Außenpolitik und zur Julikrise 1914 bleibt die Frage, welchen konkreten Einfluß "kriegerische" Mentalitäten und nationalistische Wertevorstellungen auf den Weltkriegsausbruch hatten. Die Ausblendung dieses "kulturellen" Aspektes unter dem Schlagwort "Manipulationsideologie" führt dazu, den deutschen Anteil am Weltkriegsausbruch lediglich mit "Strukturmerkmalen" zu erklären. Machten aber "Mittellage", zunehmende machtpolitische Schwächung des Dreibundes oder der "Widerspruch" einer industriellen Gesellschaft mit der politischen Dominanz von traditionellen Eliten (Junkern) den Krieg wirklich notwendig? Diese Studie wendet sich gegen einen solchen "Struktur-Determinismus" und hebt stärker hervor, wie die Realität von den außenpolitischen Akteuren perzipiert wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2001
Sönke Neitzel ist mit den zentralen Annahmen von Thomas Lindemann über die auslösenden Momente für den ersten Weltkrieg nicht einverstanden. Der behauptet nämlich, referiert der Rezensent, dass irrationale Übertreibungen und Verzerrungen der Gegner, die aus einem völkischen Nationalismus (Darwinismus, Raumgedanke, Fatalismus) gespeist worden seien, zum Krieg geführt hätten. Einen völkischen Nationalismus als eines der wesentlichen Momente der Kriegspolitik der Deutschen streitet Neitzel nicht ab. Doch will er die geschichtlichen Zusammenhänge nicht darauf reduziert wissen. Machtpolitische Überlegungen und reale Bedrohungen sind für den Rezensenten gleichermaßen bedeutend gewesen. Sein eher negatives Fazit: Lindemanns Thesen seien übertrieben, die Beweisführung zu holzschnittartig und undifferenziert. Und der Verweis auf den völkischen Nationalismus sei zwar richtig, aber leider auch nichts Neues.
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