Thomas Lang

Am Seil

Roman
Cover: Am Seil
C. H. Beck Verlag, München 2006
ISBN 9783406543685
Gebunden, 174 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2005. Bert Kesperg kann nicht mehr laufen, jedenfalls nicht ohne Gehhilfe, seine Hände zittern, der ehemalige Englisch- und Sportlehrer verfällt mitunter in eine minutenlange Starre. Nach der Scheidung von seiner Frau lebt er in einem Seniorenwohnheim. Er liebt seine Pflegerin, die schöne und ihm ungewöhnlich zugewandte Pauline. Am gleichen Tag, an dem sie ihm eröffnen muss, dass ihr gekündigt wurde, erhält Bert überraschend Besuch von seinem Sohn Gert. Im Dämmer seines Zimmers glaubt er einen Moment lang, es sei der Tod, der ihn holen kommt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2006

Beeindruckt hat Rezensentin Sibylle Birrer dieses Buch zugeklappt, dessen Geschichte sie "abgründig bis in die kleinsten Details" konstruiert fand. Es handelt sich ihren Informationen zufolge um ein "faszinierendes Kammerspiel", als dessen Gegenstand sie die "Unüberwindbarkeit eines Vater-Sohn-Konflikts" beschreibt, die Geschichte eines Vaters und eines Sohnes, die ihren gemeinsamen Selbstmord planen, und zwar im "Zeitraster des klassischen Dramas". Die Dialoge seien knapp. In seinen stärksten Momenten trifft das Buch des Klagenfurt-Siegers 2005 die Rezensentin "wie ein Faustschlag aus dem zwischenmenschlichen Hinterhalt". Allerdings gibt es auch Ärgernisse zu protokollieren. So stören Birrer manchmal "schludrige Formulierungen" oder "verquere Sprachbilder". Auch den Gattungsbegriff "Roman" mag sie diesem Text nicht zugestehen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2006

Wer den Vater-Sohn-Konflikt literarisch abhandeln will, der muss schon "einen neuen Klang in das alte Lied" bekommen, meint Ulrich Greiner im Aufmacher der Literaturbeilage und gratuliert dem Autor zu dieser vollbrachten Leistung. Die Konstellation des Buches, die Greiner schildert, ist klassisch: schwacher Sohn - starker Vater. Aufgebrochen wird sie durch die Krankheit des Vaters und die moralisch desolate Verfassung des Sohnes, beide schwächeln also und tragen gleichzeitig einen letzten Kampf mit einem "beinahe kinohaften Showdown" aus, versichert Greiner. In ihren besten Momenten lese sich "die Geschichte wie die einer einzigen Person, die des Kindes im Mann und des Mannes im Kind". Wie der Konflikt gemeistert wird, verrät der Rezensent nicht, wohl aber, dass ihn die dramatische Zuspitzung am Ende sehr für die Erzählung eingenommen hat. Sie konterkariere damit den Anklang von Kälte, die Lang vorher künstlich gegen die bei so viel "Seniorenheimtristesse" drohende Sentimentalität als Mittel seiner Wahl eingesetzt habe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.02.2006

Es ist wahrscheinlich nicht jedermanns Sache, vermutet Rezensent Gustav Seibt, aber Thomas Langs quälendes Prosastück um die Begegnung zwischen einem sterbenden Vater und seinem Sohn ist ganz unbestreitbar von großem künstlerischen Reiz. Durch die "zeitlupenhafte" Langsamkeit, mit der Lang das Verhältnis zwischen dem im Pflegeheim liegenden, aber geistig hochwachen Vater und dem Sohn beschreibe, der als Talkmaster zunächst den Höhenflug und dann den tiefen Fall erlebt hat, entfalte dieses als "Hadesfahrt" inszenierte "Zweipersonenstück" eine "monotone Wucht" und könne als "Studie" im alten, literarischen Sinne gelten, nämlich als "ein fotorealistisch anmutendes, vielfach lasiertes und hintergründig glühendes Stück langsamer Literatur". Staunend berichtet der Rezensent, wie er sich schon nach wenigen Sätzen in ein "ungewohntes Fluidum" eingetaucht fühlte, in dem er gebannt bis zum Leseende schwamm. Mit seiner "kalten und ziemlich rücksichtslosen Beobachtung menschlicher Schwäche", versetzt mit "Humor und Schauder", "Groteske und mythischem Schrecken" ist Lang ein "beklemmendes und beeindruckendes" Buch gelungen, das mit "kaltem Vergnügen" gelesen werden will.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.01.2006

Der Text, für den Thomas Lang im letzten Jahr den Bachmann-Preis gewann, ist das Schlusskapitel dieses Romans. Vater Bert und Sohn Gert kraxeln hinauf in den Dachboden einer Scheune, beide zum Suizid entschlossen, wie es scheint. Zum schon bekannten Ende gibt es jetzt die Vorgeschichte eines Lebensbunds zweier Verlierer, eben Vater und Sohn. Und die ist, findet Gerrit Bartels, genauso gut wie der Schluss, also exzellent. Wie es dazu kam, dass nur der Selbstmord ein Ausweg scheint, erfährt man aus der Schilderung des früheren Lebens auf dem Bauernhof und dem jetzigen Dasein zwischen Altenheim und Chorea Huntington (Vater) sowie zerstörter Karriere als Fernsehstar und Unfalltod der Geliebten (Sohn). Es mischt sich in der Geschichte manches, wie auch in der Beziehung der beiden, die zwischen "Nähe und totaler Distanz" schwankt. Mit viel Kunstverstand sei dieser Roman geschrieben, meint Bartels, mal komisch, mal traurig, immer aber sehr präzise und auch "lebendig".
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