Wer fühlt sich berufen, über was zu sprechen? Situiert zu sein ist Bedingung dafür, wahrnehmen und handeln zu können. Doch dürfen nur diejenigen, die auf eine bestimmte Weise situiert sind, Position beziehen? Bei der Beantwortung dieser Frage kommt der Phänomenologie eine besondere Bedeutung zu, weil "Situation" zu ihren Grundbegriffen gehört. Heidegger und Sartre, Beauvoir und Merleau-Ponty haben ihn eingesetzt, um den Horizont der Möglichkeiten des erfahrenden Ichs zu beschreiben. Thomas Bedorf schließt daran an und entwickelt ein neues, differenzphilosophisches Verständnis von Situiertheit. Es führt zu einer politischen Phänomenologie, die den Raum zwischen Sprechposition und Gesprochenem neu konfiguriert - gegen gewisse Tendenzen in den aufgeheizten Debatten um Standpunkte und Privilegien.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2026
Ein starkes Buch, das in der Debatte um Identitätspolitik neue Impulse setzt, legt Thomas Bedorf hier Rezensent Fabian Endemann zufolge vor. Das gelingt dem Autor, weil er auf normative Argumentation verzichtet und stattdessen phänomenologisch von der Idee der Haltung als einer Selbstverortung im politischen Raum ausgeht. Zu diesem Zweck unterscheidet er zwischen Situiertheit und Positionierung - erstere verweist auf vorstrukturierte politische Räume, zweitere auf die Art und Weise, sich zu ihnen zu verhalten. So kann Bedorf aufzeigen, wie Situiertheit in manchen Fällen unsichtbar bleibt, etwa wenn es sich um weiße, männliche Redner handelt, in anderen Fällen jedoch problematisch wird, sodass eine Positionierung fast unmöglich ist. Gut gefällt Endemann, dass Bedorf auf den körperlichen Aspekt des Politischen hinweist, etwa wenn er zeigt, wie Rosa Parks allein durch körperliches Handeln gesellschaftliche Veränderung erwirkte. Gleichzeitig ist diese Fokussierung auf den Körper vielleicht auch eine Schwachstelle des Buches, gibt der Rezensent zu bedenken, schließlich schwindet in der Gegenwart die Bedeutung konkreter Orte für den politischen Diskurs. Dennoch liefert Endemann wichtige Denkanstöße in einer festgefahrenen Debatte, so das Fazit.
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