Mit 61 schwarz-weiß Fotografien. "Hier liegt Freund Puschkin. Mit der holdesten der Musen / Vertrieb er sich die Zeit in süßem Spiel und Scherz, / Er tat nichts Gutes, doch in seinem Busen, / Beim Himmel, schlug ein gutes Herz!" Was für Paris die Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Pere Lachaise, das sind für Moskau der Donskoje-, der Neujungfrauen- und der Wagankowskoje-Friedhof. Auf dem Neujungfrauenfriedhof findet man die Gräber von Gogol und Tschechow, von Prokofjew und Schostakowitsch, auf dem "Donskoje" die der berühmtesten Spione der Sowjetunion - und wie man auf dem Pere Lachaise zum Grab von Jim Morrison pilgert, so sucht man auf dem "Wagankowo" das des in Russland legendären Sängers Igor Talkow auf. Und auch hier zeigt sich, dass die Persönlichkeit des Toten sich oft bereits an seiner Grabstätte ablesen lässt. Tatjana Kuschtewskaja unternimmt ausgedehnte Spaziergänge über die Friedhöfe Russlands und weiß eine Fülle von Geschichten um berühmte Verstorbene zu erzählen. - So stellt man bei der Öffnung von Gogols Sarg fest, dass dessen Schädel verschwunden ist; und kurioserweise ziert sein Grabstein aus schwarzem Granit ab 1940 die letzte Ruhestätte Bulgakows. Und wann hat man schon von dem heldenhaften Bolschewikenführer Artjom gehört, der 1924 bei einem Eisenbahnunglück starb und an der Kremlmauer begraben liegt? Staunend liest man die Geschichte der glühenden Jessenin-Verehrerin Galina B., die am Grab des Dichters gleich zweifach Selbstmord begeht ... Und ganz nebenbei erfährt man Faszinierendes und Lehrreiches über verschiedene Formen von Grabkreuzen, Besonderheiten russischer Beerdigungsbräuche und Trauerrituale oder über die Spezies der Friedhofsbettler. Der mit zahlreichen schwarz-weiß Fotografien versehene Band ist eine kleine Kulturgeschichte des Todes in Russland ebenso wie eine keineswegs morbide Sammlung von Anekdoten über den Tod im Leben und das Leben im Tod.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2006
Sehr gerne gelesen hat Rezensent I.R. diese Streifzüge der bekannten Journalistin und Autorin Tatjana Kuschtewskaja über russische Friedhöfe. Die Geschichten und Anekdoten, wahren Begebenheiten und Legenden, die sie mitgebracht hat und in diesem Band ausbreitet, "verblüffen" den Rezensenten in ihrer Vielfalt. Zu erfahren ist unter anderem, dass Gogols Kopf sich bei der Umbettung leider nicht auffinden ließ, man liest von vertauschten Grabsteinen und Beerdigungsritualen. Insgesamt rundet sich das nach Ansicht des Rezensenten geradezu zu einer "Kulturgeschichte des Todes in Russland".
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