Julian Barnes

Der Lärm der Zeit

Roman
Cover: Der Lärm der Zeit
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2017
ISBN 9783462048889
Gebunden, 256 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen. Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk". Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.04.2017

Rezensent Martin Oehlen gefällt Julian Barnes' Künstlerroman über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch durch die Konzentration auf die moralisch-psychologischen Aspekte dieses Künstlerlebens. Die dauernde Angst des Komponisten vor Stalins Häschern kann ihm der Autor entlang der Quellen auf beklemmende, kundige wie fesselnde Weise vermitteln. Dass der Autor dabei nicht moralisch richtet, sondern alle Kraft darauf verwendet, die Person Schostakowitsch im Netz seines gesellschaftlichen Umfelds zu zeigen, hält Oehlen für stark. Weshalb der Künstler sich von der Propaganda misssbrauchen lässt, vermag der Rezensent am Ende besser zu begreifen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.03.2017

Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" kann als Biografie, Entwicklungsroman, als Historienroman und ebenso gut als Essay über das Verhältnis von Kunst, insbesondere Musik und Macht in Diktaturen gelesen werden, begeistert sich Rezensent Jens Uthoff. Die Geschichte von Dmitri Schostakowitsch und seinem schwierigen Verhältnis zum stalinistischen Machtapparat, der "Hetzjagd", die auf den Komponisten nach der Aufführung seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" gemacht wurde, seine Unbeugsamkeit und die innere Emigration, ist eine vielerzählte, weiß Uthoff. Neu an Barnes' Roman ist die Art, wie sie erzählt wird: Wechselnde Perspektiven, philosophische Exkurse und einige denkwürdige Sätze bringen dem Leser den widersprüchlichen Charakter näher und eröffnen eine neue Perspektive auf die stalinistische Epoche, lobt der Rezensent. Lediglich Schostakowitschs mysteriöse Wandlung zum "Opportunisten", wie er sich selbst bezeichnet, schafft Barnes nicht wirklich nachvollziehbar darzustellen, ein Manko allerdings, das der Qualität dieses Buches kaum Abbruch tut.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.03.2017

Für Marco Frei legt Julian Barnes mit diesem Buch einen außergewöhnlichen Schostakowitsch-Roman vor, indem er sich vor allem für die Persönlichkeit, die Entwicklung und die Haltung des Komponisten im Stalinismus der 30er Jahre interessiert. Laut Rezensent liest sich das Porträt wie ein Psychokrimi. Den einen ängstlichen Menschen verbergenden Charakter der Figur sowie das Warten auf die Verhaftung und den Kampf um Integrität veranschaulicht ihm der Autor in virtuos arrangierten Aus- und Rückblenden. Auch wenn das Buch dazu nichts wesentlich Neues liefert und Barnes die bekannten Quellen auswertet, wie Frei einräumt, hat ihn die Lektüre beglückt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.02.2017

Zumindest ein Urteil fällt Thomas Steinfeld dann doch noch in seiner vorwiegend interpretatorischen Besprechung von Julian Barnes' Roman "Der Lärm der Zeit": Ein "außerordentlich guter" Roman, findet er. Besonders eingenommen hat ihn, neben dem hier geschilderten Schicksal Dimitri Schostakowitschs unter der Herrschaft Stalins, die Figur des Erzählers, der die Angst, aber auch die Scham des Komponisten deutlich nachspürbar skizziert. Und dass der Erzähler das musikalische Werk Schostakowitschs außer Acht lässt, dafür die Selbstreflexion des Komponisten unter Beachtung der Lebensumstände schildert, hat dem Rezensenten gefallen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2017

Andreas Platthaus hält den Schostakowitsch-Roman von Julian Barnes für das beste Buch des Autors seit langem. Anschließend an frühere Künstler-Romane von Barnes, beschränkt sich der Autor hier ganz auf seine Figur, ohne mit ihm allzu sehr im Einklang zu sein oder dem Text musikalische Strukturen unterzuschieben, erklärt Platthaus. Stattdessen entwirft Barnes laut Platthaus ein "Erinnerungskaleidoskop" im Kopf seines Protagonisten mit dem Schwerpunkt auf der Stalin-Herrschaft, eine "Kakophonie aus Schmerzenschreien", meint er. Für den Rezensenten auch eine Kulturgeschichte der Sowjetzeit und eine raffinierte Konstruktion, die ihm Spürsinn abverlangt, aber auch seinen Sinn für Ironie bedient. Die sorgfältige Übersetzung von Getraude Krueger trägt zum Lektüregenuss bei, meint er.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.02.2017

Rezensent Michael Maar verehrt Julian Barnes - und gerade deshalb schaut der Kritiker besonders pedantisch auf den neuen Roman "Der Lärm der Zeit". Ohne Frage, das Leben des Komponisten Dimitri Schostakowitschs in der Stalin-Zeit erzählt Barnes ebenso ergreifend wie ernsthaft, "dicht" und mit Gespür für Komposition, lobt Maar. Großartig auch, wie der Autor vorführt, wie der "Terror die Seele zersetzt" und wie Schostakowitsch unter seiner "Feigheit" litt, so Maar. Dennoch vermisst er nicht nur ein paar Worte über die Musik des Komponisten in diesem Roman, sondern bemängelt auch einige öde Pointen und "sentenziöse" Passagen. Und: So ganz konsequent wird die an sich klug angelegte Innensicht des Helden auch nicht durchgehalten, klagt er.