Svenja Leiber

Kazimira

Roman
Cover: Kazimira
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783518430064
Gebunden, 336 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Ein abgelegener Ort am Baltischen Meer, Ende des 19. Jahrhunderts. Kazimira bringt ihrem Mann Antas angeschwemmten Bernstein vom Strand jenseits der Düne. Er ist der begabteste Dreher in der Gegend. Das weiß auch Moritz Hirschberg, Eigentümer des Bernsteinwerks am Weststrand. Antas wird einer seiner wichtigsten Arbeiter, Kazimira muss sich um Haus und Kind kümmern, obwohl sie arbeiten will wie ihr Mann. Als das Wagnis des Untertagebaus sich endlich auszahlt und die Grube zum Erfolg wird, werden jedoch nicht nur Neid und Missgunst, sondern auch Antisemitismus und Nationalismus laut im Kaiserreich. Und Kazimira muss erfahren, dass sie ihren Weg allein zu gehen hat, erst recht, als die Hirschbergs vertrieben werden und ihr Sohn am Ersten Weltkrieg zerbricht. Sie bleibt bei der leeren Grube, einst Ort des Wohlstands und Fortschritts, wohnen und wird Jahrzehnte später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, letzte Zeugin deutscher Verbrechen. In Kazimira erzählt Svenja Leiber vom größten Bernsteinabbau der Geschichte. Im Aufstieg und Verfall der "Annagrube" und in ihrem Nachwirken im heutigen Russland spiegeln sich drängende Fragen: Woher rühren Hass und Gewalt? Was geschieht, wenn Leben für unwert erklärt wird? Die Frauen, denen der Roman über fünf Generationen folgt, entwerfen eine Gegenwelt - im Mittelpunkt: Kazimira und ihr Ringen um Selbstbestimmung.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.09.2021

Knapp, aber mit viel Lob bespricht Miriam Zeh Svenja Leibers Roman "Kazimira", der vier Generationen entlang eines Bernsteinbergwerks begleitet. Vor dem Hintergrund der Massenhinrichtung, die die SS nahe des Bergsteinwerks im ostpreußischen Palmnicken veranstaltet, erzählt ihr Leiber von der "spröden" und sonderlichen Kazimira, die sich tapfer durchschlägt, von ihren Kindern und Enkeln und landet schließlich im Jahr 2012 bei der alleinerziehenden Nadja, die sich in einem Bernsteinshop über Wasser hält. Wie die Autorin die Geschichte Ostpreußens vom Beginn des Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Geschichte einer Emanzipation verwebt, einfühlsam und doch mit "großer Geste", findet Zeh beeindruckend.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.09.2021

Svenja Leiber erzählt in "Kazimira" von Gewalt und Liebe, so der Kritiker, mit der Wucht eines alttestamentlichen Films, schreibt Rezensent Paul Jandl. Es geht um eine Geschichte, die um und in den Bernsteinstollen nahe der Kurischen Nehrung über vier Generationen hinweg erzählt wird - von Kazimira, die 1871 mit ihrem Mann durch die Bernsteinförderung aus der Armut und in ihre Emanzipation findet, über die Gräuel der Nazibesatzung bis zu den Geschäftemachern des Jahres 2012. Gelegentlich mag das wie Schwarz-Weiß-Malerei aussehen, gesteht der Rezensent, doch Leibers Sprache unterlaufe das.  Jandl jedenfalls ist von dem Roman außerordentlich beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.08.2021

Rezensent Ulrich Greiner würdigt den Mut von Svenja Leiber, die ihn in ihrem neuen Roman in einzelnen Szenen durch ein Jahrhundert, zwei Weltkriege und drei Generationen einiger Familien an der Ostseeküste in Ostpreußen führt. Der Kritiker liest von Bernsteinförderung und Frauenschicksalen, von Massenhinrichtungen durch Nazis und Einmarsch der Sowjets und behält dank der einfühlsam geschilderten Figuren doch stets den Überblick. Dass die historischen Hintergründe mitunter nach Schulbuch klingen, kann Greiner angesichts der mal überschäumenden, mal sarkastisch "spröden" Sprache der Autorin verzeihen.