Svenja Leiber

Büchsenlicht

Erzählungen
Cover: Büchsenlicht
Ammann Verlag, Zürich 2005
ISBN 9783250600817
Gebunden, 154 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Frau Leites kocht Holunderblütensaft in leere Kornflaschen ein, und die Jugend verblüht am Glascontainer, während auf der Pappelkoppel die Drillmaschine aufsetzt und der Edeka-Laster auf dem Buswendeplatz hupt. In der norddeutschen Provinz wird geliebt, geheiratet, gemordet und gestorben, und fast jeder ist schon mal über 'nen Appelkorn gestolpert. Sei es Tönnes, der zwei Meter hohe Wutausbruch, oder die weitäugige Polizistentochter, die was mit dem Reitlehrer hat.
Svenja Leibers Figuren haben den Landregen im Gemüt. Da verliebt sich Heide Raschpichler in Hans Daleckie, nur weil ihr zu ihm kein passendes Tier einfällt, und die Spätaussiedlerin Greta bewirtet die Landfrauen mit Haribo und Daim, bevor sie dem Großbauern einen Korb gibt. "Büchsenlicht" ist ein Kanon, ein verregnetes Lied aus dem Norden. Hier, wo die Menschen mit Treckerreifenhaut ihre Wurzeln geschlagen haben, drohen andere auf den morastigen Äckern ins Bodenlose zu versinken. Landidyll oder Lebensknast, das müssen Einheimische wie Zugereiste für sich entscheiden - und Jammern gilt nicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.07.2005

Mit Befriedigung hat Christoph Bartmann in Svenja Leibers Erzählungsband "Büchsenlicht" Neuigkeiten aus der Dorfhölle vernommen. Gibt's so etwas wirklich noch? Bartmann mochte gar nicht daran glauben, dass in der Postmoderne solche Jagdszenen aus Norddeutschland noch möglich sind. Aber die Autorin hat ihn mit ihrer Erzählkunst davon überzeugt. Uralte, märchenhaft-mythologische ländliche Schrecken hat sie dem Rezensenten ausgemalt, die zuweilen in Brandstiftung und Totschlag kulminieren. Weniger die manifeste Gewalt sei es allerdings, die den Leser gruseln macht, befindet der Rezensent; am wirkungsvollsten kommt der Horror dann zur Geltung, wenn die Autorin die subtilen Schrecken des Landlebens schildert, denn, so Bartmann: "Die Wirklichkeit auf dem Lande ist so schon schlimm genug." Nachdrücklich lobt der Rezensent die Sprache der 30-jährigen, in Berlin ansässigen, jedoch in Lübeck geborenen Debütantin: diese sei "nicht lakonisch, sondern lyrisch. Nicht aussparend, sondern blühend", was Bartmann als eindeutigen Gewinn verbucht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.07.2005

Friedhelm Rathjen bejubelt eine Meisterleistung der sprachlichen Ausformung von Wirklichkeit: Svenja Leiber, schwärmt er, benutzt Worte und Wendungen, die nicht so recht zu passen scheinen, die sich der Eleganz verweigern, manchmal klotzig und sperrig im Lesefluss liegen, doch genau dadurch das Wesen des Landlebens, dass hier literarisch erschaffen wird, ganz genau ausarbeiten. Sie fängt es, so Rathjen, mit einer "raffiniert ungekünstelten und ungelenken Sprache ein, die so direkt ist wie das Beil, das ein jähzorniger Familienvater in den Küchentisch haut". Oft braucht sie dazu nicht einmal Verben, genügen ihr schroffe "Setzungen", um eine Szenerie zu gestalten und den Leser mitten hinein zu stellen, um ihm dann ihre "scharfe", zielgenaue Prosa zu servieren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2005

Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung beginnt Rainer Moritz seine Rezension: Es gibt sie also noch, die zwischen den Latte-Macchiato-Großstadtromanen deutscher JungautorInnen fast schon verschwundene Literatur aus der deutschen Provinz. Und bei Svenja Leibers Band mit Erzählungen, die Titel wie "Eckeneckepen" oder "Pappelblühen" tragen, handelt es sich seiner Ansicht nach um ein sehr gelungenes Exemplar dieser traditionsreichen Form von "Antiheimatliteratur". Trostlos und finster geht es zu: Der Bräutigam ist besoffen, der Vater prügelt, die Jugend ist zu Tode gelangweilt. Aufs Klischee aber verfällt die Autorin, lobt Moritz, kaum einmal, denn das "Sprachniveau" bleibt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hoch. Kurzum: eine "schmale, eindringliche Erzählsammlung".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2005

Die meisten Jungschriftsteller pflegen derzeit die modische Lakonie des Ausdrucks, meist aus Angst, etwas falsch zu machen, meint Rezensent Jan Brandt. Bei Svenja Leiber jedoch sei das anders. Nicht nur, dass ihre Lakonie einen eiskalt erwische, ihre Worte seien wie "Widerhaken", schön und gemein, und ihre Sätze klingen, "als habe jemand gerade eine Weide mit Pflöcken abgesteckt", will heißen "jedes Wort scheint in den Boden gerammt zu sein". Doch da Leibers Geschichten in Norddeutschland spielen, antworte die Form gewissermaßen dem Inhalt. Dort werde eben wenig geredet, was zur "radikalen Verknappung" nötige. Und so kann der Rezensent beim besten Willen "kein Wort zuviel" in diesen "verdichteten", "auf das Wesentliche reduzierten" Geschichten finden. Genauso knapp, so der Rezensent, ist das Leben in der beschriebenen Provinz, denn "die Provinz ist tot" und ihre Bewohner verunsichert und verfremdet. Das titelgebende Büchsenlicht, das in der Jägersprache das Licht bezeichnet, "das ausreicht, einen treffsicheren Schuss anzubringen". Leiber, schließt der Rezensent, schießt und tötet nicht, doch "sie trifft mit ihrer direkten und poetischen Sprache mitten ins Herz".
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