Als zwischen 1906 und 1908 der Fürst Eulenburg, enger Berater Wilhelms II., zusammen mit einigen Freunden wegen Homosexualität vor Gericht stand, sprach die Presse von einer homosexuellen Verschwörung. Homosexuellen wurde unterstellt, die Männlichkeit des Staates und damit den exklusiv männlichen Herrschaftsanspruch infrage zu stellen. Die Autorinnen und Autoren des Bandes beschreiben die Entstehung und Popularisierung der Figur des homosexuellen Staatsfeindes für die Zeit bis 1945 - und zeigen, dass die Verknüpfung von (Homo-)Sexualität und Politik auch über das Dritte Reich hinaus fortbestand.
Aufschlussreich findet Rezensent Martin Reichert diesen von Susanne zur Nieden herausgegebenen Sammelband über die Verknüpfungen von Homosexualität und Politik in Deutschland 1900-1945. Wie Reichert berichtet, untersuchen "zahlreiche fundierte Beiträge" die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts quer durch alle politischen Lager verbreitete Vorstellung, der Staat werde durch männliche Homosexualität geprägt wie bedroht. Der Band schlage einen Bogen von den Debatten um Homosexualität, Männlichkeit und Staat im Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus. Einen "Verdienst" dieses Bandes sieht Reichert darin, auf die historische Bedeutung Hans Blühers hinzuweisen, dessen Werk eine entscheidende Grundlage für die Konzeption des NS-Männerbund-Staates bildete - unter expliziter Ausklammerung der von Blüher unterstellten und von Heinrich Himmler gefürchteten erotisch-sexuellen Bindekraft. Als "äußerst lesenswert" lobt Reichert zudem den Beitrag des Amsterdamer Historikers Harry Osterhuis über Politik und Homoerotik in Leben und Werk von Thomas und Klaus Mann.
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