Aus dem Englischen von Matthias Göritz. Stella Nyanzi lässt in exakt 100 Gedichten Szenarien ihrer Dissidentinnenerfahrungen erfahrbar werden, berichtet über ihre mehrfache persönliche Enteignung, erst als Asylbewerberin in Nairobi/Kenia und dann als Schriftstellerin im Exil. Derzeit lebt sie mit ihren drei jugendlichen Kindern in München - wo sie ihr Leben nach Auslaufen des PEN-Stipendiums verbringen werden, ist offen. In ihren Gedichten zieht sie Parallelen zwischen ihren eigenen Erfahrungen als Kind von Flüchtlingseltern, die seinerzeit vor Idi Amin geflohen sind, und den Erfahrungen ihrer drei eigenen Kinder heute, 40 Jahre später. Ihrer Verletzlichkeit während der Bemühungen, ihren Kindern eine gute Mutter zu sein, stellt sie in der für sie charakteristischen "radical rudeness" verschiedene Formen von Misswirtschaft, Korruption und Verletzung von Menschenrechten in Uganda gegenüber. Sie beschreibt persönliche Dilemmata, wie ihre leidenschaftlich gestörte Fernbeziehung zu ihrem in der Heimat verbliebenen Geliebten, überhaupt alles Geliebte der alten Heimat und auch das, was ihr in der neuen Heimat missfällt: die Mühe, sich einer anderen Kultur anzupassen, den Kampf um Integration inmitten von kulturellen Differenzen und Sprachbarrieren, ihre Einsamkeit und Anonymität im Exil.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2025
Rezensentin Amira El Ahl beginnt ihre Besprechung des Lyrikbandes der ugandischen Autorin Stella Nyanzi mit einer Warnung: Die Gedichte sprengen die Erwartungen an das, was wir normalerweise unter Lyrik verstehen und sie sind auch inhaltlich "nichts für schwache Gemüter". Aber gerade das macht die Verse so überzeugend, beteuert El Ahl, sie berühren unmittelbar in der Intensität, mit der Nyanzi ihre Wut auf ihr Heimatland, ihre Opposition, ihre Haft verarbeitet - sie arbeitet als Wissenschaftlerin zu Themen wie weiblicher Sexualität und wird deswegen in Uganda verfolgt. Trotzdem fühlt sie sich "verheiratet wie Klebstoff mit Uganda", wie sie schreibt, aber als "schamlos untreues Frauenzimmer" kommt sie langsam an in ihrem deutschen Exil, berichtet die Kritikerin. Sie ist schwer beeindruckt von Nyanzis poetischer Halsstarrigkeit.
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