Stefan Chwin

Der goldene Pelikan

Roman
Cover: Der goldene Pelikan
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446206564
Gebunden, 302 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Jakub ist Juraprofessor an der Danziger Universität, gut aussehend, selbstbewusst, wohlsituiert. Er weiß, was richtig ist, und als ein Mädchen sich beschwert, sie sei zu Unrecht durch die Prüfung gefallen, lässt er sie hochmütig stehen. Bis er eines Tages zufällig erfährt, dass sie sich umgebracht habe. Sein Gewissen beginnt ihn zu plagen. Er begeht kleine Ladendiebstähle, trennt sich von seiner Frau, verliert Arbeit und Wohnung und irrt schließlich als Obdachloser durch die Stadt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.01.2006

Jörg Magenau kann Stefan Chwins Roman "Der goldene Pelikan" wenig abgewinnen, er findet ihn "merkwürdig aufgeladen". Das Thema des polnischen Autors ist die individuelle Schuld jenseits politischer Wertesysteme, stellt der Rezensent fest und mutmaßt, dass dieses Sujet im "postkommunistischen" Polen wohl noch "neu und ungewiss" ist. Weil er eine Studentin durch die Prüfung hat fallen lassen und diese sich augenscheinlich deswegen umbringt, wird der Professor Jakub derart von Schuldgefühlen gepeinigt, dass schließlich sein gesamtes Leben zerbricht und er als Obdachloser am Bahnhof landet, umreißt Magenau die Handlung. Sein größtes Problem mit dem Buch ist, dass Chwin darin offenbar ein "Exempel statuiert" und Jakub und seinen sozialen Abstieg als reine "Kopfgeburt" präsentiert, wie er moniert. Dabei mixe der Autor seine Professorengeschichte um die "Abstiegsangst" der polnischen Mittelschicht mit Rückblicken in die Geschichte Polens des 20. Jahrhunderts, mit jeder Menge Katholizismus und mit griechischer Mythologie, erklärt der Rezensent, dem das zusammengenommen einfach zu viel ist. Er findet es sehr bezeichnend für die polnische Gesellschaft, dass sie diesen Roman als "literarische Sensation" feiert und kann sich über den "katholischen Heiligenkitsch", in den der Roman mündet, nur wundern.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.12.2005

Letztendlich gescheitert findet Stefan Speicher die Konstruktion dieses metaphysischen und voluminösen Romans des polnischen Literaturwissenschaftlers Stefan Chwin. Hierin geht es um den Rechtsgelehrten Jakub, dessen bürgerlich gesicherte Existenz in den gewollten Untergang steuert, als sich eine Studentin offenbar auf Grund einer falschen Note das Leben nimmt. Als Stationen einer Heiligenlegende lasse sich das Werk lesen, die jedoch in der Abfolge von Aufstieg, Schuld und Buße in der Schuld stecken bleibe. Zudem stört sich der Rezensent an der erzählerischen Abfolge der Ereignisse, am "Herbeischreiben von Transzendenz durch Detailrealismus" als Kombination von Ehekrise und Gottsuche. Zuviele Ungereimtheiten seien da am Werk, die Probleme der Gegenwart nicht thematisiert, da der Autor "ins Metaphysische ausweiche". Als zeitkritischer Entwurf könne daher der Roman nicht funktionieren, sondern schieße als "'Kinder, was sind das für Zeiten'-Geseufze" am Ziel vorbei, so das Verdikt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.11.2005

Nicht nur Stefan Chwins Held sei den unterschiedlichsten "Gefährdungen" ausgesetzt, sondern auch der Autor selbst, meint Rezensent Lothar Müller. Chwin neige nämlich zur "großen Kunst" und schon der erste Satz komme mit biblischer Wucht daher: "Die Stadt, in der Jakub auf die Welt kam, war verwüstet und leer." Allerdings kann der "Ton der Legende" aus Sicht des Rezensenten nicht durchgehalten werden. Vor allem aber vertrage er sich nicht mit den vielen Stilen bis zur Satire, die Chwin in seinem Roman einsetze. "Der goldene Pelikan", berichtet Müller, spielt im Danzig der Gegenwart, der Held sei Professor für Jura und wie der Autor als Kind von Flüchtlingen nach Danzig gekommen. Als er vom Selbstmord einer gescheiterten Studentin hört, "beginnt der Verdacht seiner möglichen Schuld seine Existenz zu unterminieren". Den Rezensenten erinnert dieser beiläufige Schicksalsumschwung an Georges Simenon, doch im Gegensatz zu diesem lasse Chwin mit seinem "Metaphernzauber" dem "Willen zur Kunst" freien Lauf. Jakubs "Unterweltfahrt" als obdachloser Bettler durch Danzig, so Müller, grenze an "schwarze Kolportage", und seine Rettung durch die verzeihende Studentin an "erotisch gefärbten Erlösungskitsch".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2005

Andreas Breitenstein kann die Euphorie um "Der goldene Pelikan" in der Heimat des Danziger Literaturwissenschaftlers Stefan Chwin in keiner Weise nachvollziehen. Im Gegenteil, er lässt kein gutes Haar an dem neuen Roman, das für ihn ein Prototyp der Professorenliteratur ist. Chwin hechelt durch die Nachkriegsgeschichte Danzigs "wie im Filmclip", zieht an Hiroshima, Solidarnosc und dem Fall der Mauer vorbei bis zu Aids und Terrorismus, im Gepäck seinen "geschichts- und identitätslosen" Protagonisten, einen Juraprofessor, lesen wir. Dieser gerät ins Straucheln, als sich angeblich eine seiner Studentinnen nach misslungener Prüfung das Leben nimmt. Trotz der Schwere der Handlung vermisst der Rezensent Bodenhaftung und wirft dem Auto vor, sich vor "dem Scham und dem Skandal", den ein solcher Plot hergibt, zu drücken. Breitenstein kritisiert die "sprachlichen Missgriffe" und offensichtliche Werbung für Danzig, die seiner Meinung nach lediglich dem städtischen Touristenverein entzücken. Auch für die kulturgeschichtlichen Fußnoten kann er kein Verständnis aufbringen und fragt sich angesichts des Kommentierungsbedürfnisses Chwins: "Wozu der Aufwand?"
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