Das Bordell ist ein populärer Schauplatz literarischer Fiktionen. Freuden- und Laufhäuser, aber auch Verrichtungsboxen und Straßenprostitution sind ein Gradmesser für Definitionen des vermeintlich 'Anderen' einer Gesellschaft. Anhand ihrer (Un)Sichtbarkeit wird deutlich, welche Grenzziehungen und Normvorstellungen Gemeinschaften innerhalb oder außerhalb ihrer Territorien situiert wissen wollen. Das Bordell changiert dabei zwischen räumlicher Eingrenzung und totaler Entgrenzung wie der schrankenlosen Ausbreitung von Räumen der Prostitution innerhalb städtischer Topographien.
Als umfassende und lehrreiche komparatistische Analyse des Bordells als Transitort in der deutschen und französischen Literatur bezeichnet Joseph Wälzholz die Dissertation von Simone Sauer-Kretschmer. Auch wenn im Text nicht alles so knallig ist, wie Wälzholz sich das gedacht hatte - so vermisst er etwa Esprit und ein sorgfältiges Korrektorat - überzeugt ihn die Arbeit. Dass die Autorin selbst neueste Primärtexte (Clemens Meyers "Im Stein" oder Houellebecqs "Plattform") zur Analyse heranzieht, findet der Rezensent schon erstaunlich. Ferner schätzt er den weiten Bogen der Arbeit, die auch unbekanntere Texte und Filme einbezieht und so Überlegungen zur Prostitution anstellt, die das eigentliche Thema der Arbeit transzendieren, wie Wälzholz meint. Literaturtheoretisch scheint ihm der Text auf der Höhe, wenn die Autorin anhand von Zolas "Nana" den Nachweis liefert, dass zwischen dem Körper der Kurtisane und dem Körper der Stadt Paris eine Verbindung besteht.
Lena Schätte: Das Schwarz an den Händen meines Vaters Motte wird sie von ihrem Vater genannt. Eigentlich hat sie sogar zwei Väter: den einen, der schnell rennen kann und sich auf alle Fragen eine Antwort ausdenkt. Und den anderen,… Robert Seethaler: Die Straße Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in… Petra Morsbach: Orion Nora lernt bei einem Studentenjob ihren späteren Mann kennen, einen Archivar. Sie wird Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem oberbayerischen Gymnasium, zieht einen… Angelika Klüssendorf: Trost 2022. Angelika Klüssendorf erzählt von Liebe, Entzweiung und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Rita, Meisterin darin, sich in die falschen Männer zu verlieben, fällt plötzlich…