Simon Strauß
In der Nähe
Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht

Tropen Verlag, Stuttgart 2025
ISBN 9783608502718
Gebunden, 240 Seiten, 24,00 EUR
ISBN 9783608502718
Gebunden, 240 Seiten, 24,00 EUR
Klappentext
Das Glück eines Menschen hängt daran, in der Nähe von anderen zu sein. Wir leben in Zeiten der Entfernung. Die politischen Lager, die großen Machtblöcke der Welt, die Stadt vom Land - alles entfernt sich voneinander. Umso wichtiger wird der Blick aus der Nähe. Wo ist im Zeichen medial befeuerter Selbstgerechtigkeit noch Gemeinschaft möglich? In seinem ersten Sachbuch findet Simon Strauß eine überraschende Antwort: in der Kleinstadt. Hier begegnen sich die Menschen als Gegenüber, hier müssen Konflikte ausgetragen und Kompromisse gefunden werden. Hier lernt man die Demokratie noch einmal neu kennen.Was macht ein gutes Zusammenleben aus? Am Beispiel der Kleinstadt Prenzlau erkundet Simon Strauß, wie Gemeinschaft gelingen kann, wann sie scheitert und welche politische Bedeutung es hat, in der Nähe zu sein. Welche Kraft hat der gemeinsame Glaube an einen physischen Ort? Gibt es noch so etwas wie einen geteilten Himmel oder greift inzwischen jeder nur noch nach den eigenen Sternen?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.11.2025
In der Tendenz bespricht der hier rezensierende Soziologe Steffen Mau Simon Strauß' Buch über den Ort Prenzlau positiv, er hat jedoch auch einige Kritikpunkte. Ein wenig geht Strauß hier, meint Mau, wie Alexis de Tocqueville in seinem Buch über die amerikanische Demokratie vor, er wendet sich einem einzelnen Ort zu, in dem die Probleme des Ganzen aufscheinen. Mit einer Mischung aus Distanz des von Außen kommenden Analytikers und empathischer Nähe schreibt Strauß über Prenzlau, der Tonfall ist literarisch und erzählerisch, was Mau durchaus gut gefällt. Der Kritiker liest etwa von den zahlreichen historischen Brüche und Härten, die Prenzlau erlebt hat und die die Einwohner Prenzlaus in ihren eigenen Augen sensibel gemacht haben für die Gefährdung des demokratischen Gemeinwesens. Auch Ressentiments insbesondere gegen Fremde, die in dem Ort kursieren kommen bei Strauß zur Sprache, sowie die Ablehnung der als elitär empfundenen Berliner Politik. Das alles liest Mau mit Interesse und merkt dennoch an, dass Strauß es bisweilen mit der Nähe zu den Menschen, über die er schreibt, übertreibt, insbesondere wenn er die Zugewandtheit zu lokalen Gemeinschaften als Ideal für die deutsche Demokratie generell betrachtet. Das wird den Komplexitäten der modernen Gesellschaft schlicht nicht gerecht, kritisiert der Rezensent, der das Buch dennoch mit einigem Gewinn gelesen hat.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 25.11.2025
Insgesamt skeptisch bespricht Rezensent Michael Eggers Simon Strauß' neues Buch. Strauß schreibt auch Romane, aber hier ist er, meint Eggers, im journalistischen Modus unterwegs und besucht die ostdeutsche Kleinstadt Prenzlau, in der er dem um sich greifenden Entfremdungsgefühl in der ehemaligen DDR nachzuspüren sucht. Strauß spricht mit diversen Bewohnern des Ortes, mit AfD-Politikern genauso wie mit syrischen Flüchtlingen, im Zentrum stehen dabei weniger politische Problematiken als die Frage, wie so etwas wie Gemeinschaftssinn entstehen kann. Das offensichtlich von Moritz von Uslars "Deutschboden" inspirierte Buch ist nicht nüchtern ethnografisch, sondern erzählerisch angelegt, so Eggers. Mit dem Lob der Kleinstadtgemeinschaft, auf das Strauß immer wieder, in teils ziemlich pathetischen Formulierungen, hinaus will, kann der Rezensent alles in allem wenig anfangen. Insbesondere stört Eggers sich in diesem Zusammenhang an der nicht vorhandenen Abgrenzung vom nationalsozialistisch vorbelasteten Begriff der Volksgemeinschaft. Eine gewisse Nähe zu rechtem Denken scheint Eggers durchaus auszumachen in diesem Buch.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.11.2025
Dem hier rezensierenden Historiker Michael Sommer gefällt, wie Simon Strauss ein weiteres Ossi-Buch für Wessis schreibt - dabei aber über die Schranken dieses aktuell boomenden Genres hinausgehe: denn der Journalist begibt sich in seinem Buch zwar ins uckermärkische Prenzlau, eine 20.000-Einwohner-Gemeinde in Brandenburg, und hört dort den Leuten erst einmal unvoreingenommen zu - dem Pastor, "dem Migranten", auch dem AfD-Abgeordneten, fasst Sommer zusammen. Aber er geht sein Thema auch grundsätzlicher an und fragt, zurückgreifend auf seinen Hintergrund als Althistoriker, etwa nach dem sogenannten "Könnens-Bewusstsein", das auch schon die alten Griechen auszeichnete, ebenso wie nach den Kategorien von Nähe (auch die griechische Polis sollte nach Aristoteles auf keinen Fall zu groß sein, erklärt Sommer), und nach der mittlerweile verschrienen Kategorie des Stolzes. Wie Strauss solche Überlegungen auf Prenzlau beziehe, mit Blick sowohl auf die konkrete Gemeinde als auch auf ganz Deutschland, Europa und die USA, scheint der Kritiker gelungen und fundiert zu finden. Ein Buch, das sich am tiefen Graben zwischen "Somewheres" und "Anywheres" abarbeite, im Glauben an eine Vereinbarkeit der beiden Sphären, lobt Sommer abschließend.
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