Silke Scheuermann

Der zärtlichste Punkt im All

Gedichte
Cover: Der zärtlichste Punkt im All
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518415931
Gebunden, 72 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Was könnte die Sphinx von Ninive erzählen? Worauf hatte Medusas Friseur zu achten? Und hat Atlantis womöglich nie irgendwo anders existiert als in den Köpfen der Liebenden? In Silke Scheuermanns Gedichten korrespondieren Ausflüge ins Mythische mit lakonischen Beschreibungen der Jetztzeit. Da zeigen Ärzte den Träumenden im Schlaf neue Perspektiven der Schönheit auf, da wünscht sich Alice ein Rendezvous mit Rembrandt, da beobachten die Wände des Museums einmal umgekehrt die Besucher. Unter ihren barock anmutenden Überschriften beschreiben die Texte Suchbewegungen. Städter und andere Unbehauste sehnen sich nach der Aufhebung eigener Zerbrechlichkeit in jenen Momenten, da die Realität Schlupflöcher bekommt: nach dem "zärtlichsten Punkt im All", nach einer glücklichen Kulisse für ihre Inszenierungen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.09.2004

Jörg Drews hat den neuen Gedichtband von Silke Scheuermann, "Der zärtlichste Punkt im All", einer haarfeinen Analyse unterzogen. Was kommt dabei heraus? Dass Silke Scheuermann typisch ist insofern, als das Problem, mit dem sie sich herumschlägt, allen heute mit ihr Dichtenden gemeinsam ist: Die Sprache hält keine poetische Diktion und keine lyrischen Formen mehr als selbstverständliche bereit, so dass der Dichter jedesmal neue, eigene Ausdrucksweisen schaffen muss. Das ist natürlich eine gewaltige Anstrengung, und manchmal scheitert Scheuermann an ihr, so Drews. Dann hapert es auch am argumentativen Gehalt, durch den Scheuermann oftmals den lyrischen zu ersetzen versucht, dann bleibt es bei gesucht-gewollten Kunstbemühungen, denen die natürliche Anmutung des wirklich Dichterischen abgeht. Doch daneben hat der Rezensent auch wirklich geglückte, beglückende Verse ausgemacht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.07.2004

Großes Lob erteilt Hauke Hückstädt der Lyrikerin Silke Scheuermann, die mit ihrem zweiten Gedichtband die hochgesteckten Erwartungen des Rezensenten nicht enttäuscht. Das neue Buch bietet "mehr als zu erwarten war", meint Hückstädt, da Scheuermann ihre Stärken weiterentwickelt und ausgearbeitet habe. Zu den Stärken zählt er die Kombination von kunstvoller und doch einfacher Rede, ihre Melodik, einen besonderen Tonfall, der "aus einer zur Ruhe gekommen Ironie" rühre. Geblieben sind bei Scheuermann die schönen und langen Titel, berichtet Hückstädt, die wie Titel von Kurzfilmen klingen, die durch ihre Länge ihre kurze Spielzeit ausgleichen wollten. Und amüsiert meint er, im Grunde sei ja ein gutes Gedicht wie ein Kurzspielfilm oder wie eine kleine Erzählung. Genau das zeichnet seines Erachtens die Gedichte Scheuermanns aus, dass sie Realitäts- und Alltagsbezug aufweisen, dass sie zur Wahrnehmung der Wirklichkeit taugen, dass sie keine Angst vor Gefühlen zeigen - die meisten Gedichte handeln von der Liebe - , dass sie lebendig, ideenreich und "extrem leitfähig für unbewusste Bilder" seien. Zuletzt spricht für die Dichterin, schwärmt Hückstädt, dass sie auf alle Widmungen und Erläuterungen verzichtet habe und ihre 37 Gedichte für sich sprechen lasse.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.04.2004

Nett "hingehaucht" lese sich das auf einen ersten Blick, was man im zweiten Gedichtband von Silke Scheuermann findet, meint Nikolai Kubus. Dann aber hat er ein bisschen genauer hingesehen und ist zur Ansicht gelangt, dass mehr als eine der hübschen Zeilen - etwa die titelgebende vom "womöglich zärtlichsten Punkt im All" - doch, er sagt es für Lyrikbesprechungen ungewohnt unumwunden, ein "ziemlicher Quatsch" ist. Thematisch ist das meiste in die Rubriken "Liebesgedichte und Artverwandtes, Wahrnehmungsnotate, Befindlichkeitsstudien" einzuordnen, aber das viele Staunen und ein bisschen Raunen, das hat den Rezensenten überhaupt nicht überzeugt. Er sagt es nochmal, stabgereimt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: "Professionelles Poetry-Posing". Punktum.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004

Rezensent Harald Hartung hält sehr viel vom zweiten Gedichtband der Autorin, deren Debütband "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen" er bereits "makellos" fand. An den 37 Gedichte dieses zweiten Bandes beeindruckt ihn besonders der diskrete, ironische Ton und die "zutiefst skeptische Intellektualität". Silke Scheuermann liebe es, die Dinge zu verkleinern und dann sofort "unsere sentimentale Sicherheit" zu desillusionieren - und der Rezensent liebt das poetische Verfahren der Dichterin. Eine Vorliebe entwickelt er zudem für die langen und witzigen Gedichtüberschriften. Ihm imponiert Scheuermanns Verzicht aufs Tragische und das ironische Echo auf das lyrische Pathos einer Ingeborg Bachmann, in deren Todesjahr Scheuermann geboren wurde, wie Hartung bemerkt.
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