Siegfried Unseld

Chronik

Band 1: 1970
Cover: Chronik
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421611
Gebunden, 500 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Raimund Fellinger, Wolfgang Schopf, Claus Kröger und anderen. Nach den Turbulenzen während der Frankfurter Buchmesse 1967, die ihn zum Eingreifen herausforderten, beschließt Siegfried Unseld, markante Ereignisse seines Verlegerlebens schriftlich zu fixieren. 1970 weitet er sein Vorhaben aus. Vom 1. Januar 1970 bis zum 31. Dezember 2001 notiert er in seinem Betriebstagebuch die weitverzweigten Vorgänge im Verlag, die Begegnungen mit Autoren, die kulturellen Konstellationen, politischen Veränderungen zugleich seine persönlichen Reaktionen und Erfahrungen. Aus drei Bestandteilen setzt sich die von ihm selbst so genannte Chronik zusammen: den nach Tag, Monat und Jahr angeordneten Einträgen, seinen Berichten von Reisen zu Autoren und Verlagen sowie von ihm aufbewahrten zeitgenössischen Dokumenten. Diese Edition dokumentiert detailliert das Innenleben des Suhrkamp und des Insel Verlags, deckt die entscheidenden programmatischen Weichenstellungen auf, gewährt Einblick in die ökonomischen Abläufe eines Privatunternehmens, erhellt den Kontext, in dem Bücherprogramme Halbjahr für Halbjahr entstehen, schildert die Beziehungen zwischen Autoren und dem Verleger. Die Chronik ist die Geschichte des Suhrkamp Verlags und die Autobiografie seines Verlegers, die Siegfried Unseld nicht mehr schreiben konnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.10.2010

Thomas Steinfeld ist der Meinung, dass Siegfried Unselds jüngst erschienene Chronik von 1970 "gründlich missverstanden" wurde (ohne allerdings Ross und Reiter zu nennen), und er wünscht sich gar öffentliche Veranstaltungen, Lehrfilme und Seminare gegen all den Unverstand. Im Mittelpunkt dieses Bandes und der Zeit steht nämlich nicht die Person des Verlegers mit persönlichen Befindlichkeiten, davon ist kaum etwas zu lesen, wie der Rezensent betont. Dafür ist das zentrale Thema des Bandes die gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit, die sich nicht zuletzt im "Lektorenaufstand" von 1968 niederschlugen, so Steinfeld. Dieses Buch bildet die politischen Auseinandersetzungen nicht nur innerhalb des Hauses Suhrkamp ab, deren Ausgang, wie der Rezensent betont, durchaus noch nicht entschieden war. Hier kann man Einblick in das "intellektuelle Milieu" des Verlags und der Zeit erhalten, in dem Unseld allerdings ein "freundlicher Schemen" bleibt, so Steinfeld sehr gefesselt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2010

Sandra Kegel bespricht nicht einfach diese von Raimund Fellinger herausgegebene Chronik aus vergangenen revolutionären Zeiten. Sie hat auch vier der aufständischen Lektoren von damals getroffen, die ihrer Schilderung nach ganz und gar nicht einverstanden sind mit Siegfried Unselds Darstellung des einstigen Versuchs, im Suhrkamp-Verlag gleichberechtigte Zustände herzustellen. Allerdings war der den später auf eigene Füße entlassenen Angestellten voraus, indem er nämlich anders als diese den Gang der Ereignisse aus seiner Sicht gleich für die Nachwelt schon festhielt. Ein paar Dinge, darauf weist Kegel hin, hatten die Lektoren, die nun an eigener Darstellung arbeiten wollen, sowieso übersehen: die Autoren zum Beispiel, und andere Mitarbeiter des Verlags. Theodor W. Adorno, erfährt man, schlug sich wacker auf die Seite des Verlegers und machte die Revoluzzer als bloße Parasiten verächtlich. Auch die Rezensentin schlägt sich letzten Endes sehr eindeutig auf die Seite der damals bestehenden Verhältnisse. Sie lässt nämlich dem mit Unseld solidarischen Autor Zbigniew Herbert das letzte Wort, der das Politische in denunziatorischer Absicht privat nimmt: "Deine Lektoren sind Frustratoren, sie haben Schwierigkeiten. Mit ihren Ehefrauen, mit ihrer Arbeit, mit ihrer Umgebung, sie haben keinen Erfolg... Du bist das Gegenteil von einem Frustrator."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.09.2010

Joachim Güntner wird richtig neidisch, wenn er liest, wie Siegfried Unseld sich sogar um Peter Handkes Steuer gekümmert hat. Außerdem erfährt er in diesem ersten Teil von Unselds Verlegerchronik aus Korrespondenzen und Protokollen Detailliertes über die berühmten Konflikte  zu den Buchmessen von 1967/68 und mit den Suhrkamp-Lektoren. Dass dabei allenthalben der Geist einer theoriegläubigen Linken im Spiel ist, scheint Güntner in Ordnung zu finden, nicht zuletzt weil der energische Unseld ganz gut dagegen anzustinken vermag. Sogar was für den Rezensenten zunächst trocken aussieht, nämlich der hier dokumentierte Alltag des Verlegers, Reisen, Autorenpflege, auch Steuern, entpuppt sich dann als Fundgrube für Anekdoten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.09.2010

Wie war das mit Siegfried Unseld und dem Suhrkamp Verlag - hier erfährt es der Rezensent Martin Lüdke aus erster Hand: "Es krachte gewaltig". Lüdke liest von den Auseinandersetzungen 1967, dem Aufstand der Übersetzer, wie Unseld um den Verlag kämpft, wie er Autoren und Lektoren fördert und fordert, manchmal "spannend wie ein Krimi", aber weil ungekürzt, mitunter auch dröge, wie Lüdke einräumt. Dass Unseld eine imposante Gestalt und Suhrkamp ein Erfolg war, Teil unserer Geschichte, daran zweifelt Lüdke allerdings nicht. Der vorliegende Band, nicht zuletzt durch seine "editorische Glanzleistung", ist ihm Beweis genug.