Sebastian Haffner

Churchill

Eine Biografie
Kindler Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783463404134
Gebunden, 207 Seiten, 17,51 EUR

Klappentext

Sir Winston Churchill (1874-1965), englischer Premier und Nobelpreisträger für Literatur, hat schon viele Historiker beschäftigt. Und kein anderer war wohl so prädestiniert, sich mit Churchills Leben zu befassen, wie der Deutsche Sebastian Haffner, der von 1938 bis 1954 im politischen Exil in London lebte. Haffner porträtiert in seiner Biografie nicht nur den Staatsmann Churchill, sondern auch den Krieger, Poeten und Abenteurer. Wir sehen einen Menschen in all seinen Facetten und einen Politiker, der zu den prägendsten Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.03.2002

Es lohnt sich immer, Haffner zu lesen - trotzdem geht unter der derzeit heran- und vorbeirollenden Haffner-Welle einiges verschütt, hat der in Berlin lebende Anglist Andrew James Johnston beobachtet. So etwa die Vergänglichkeit von Haffners Büchern, die nicht von allen Verlagen erkannt werde. Dies demonstriert der Rezensent an Haffners Essay über Churchill, das vom Kindler Verlag zu einer Biografie aufgeblasen und neu herausgebracht worden sei. "Das aber wollte Haffners Büchlein nicht sein", setzt Johnston dagegen. Statt eines umfassenden Panoramas von Leben und Werk liefere Haffner eine Studie der Psychologie Churchills, seines "Außenseitertums in der politischen Elite Englands", und das "zupackend, skizzenhaft und ohne Furcht vor dem Klischee". Außerdem, kritisiert der Rezensent weiter, hätte das Buch ein einleitendes Essay vertragen können, das den Bogen von 1967, dem Entstehungsjahr des Essays, zum heutigen England schlägt. Schließlich vermisst Johnston etliche Fotos aus der Originalausgabe, etwa von Männern wie Baldwin oder Chamberlain, die Haffners (Text-)Porträts ergänzt hätten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.12.2001

Sehr beeindruckt zeigt sich Rezensent Alex Rühle vom Lebenswerk Sebastian Haffners und nennt ihn dank seiner Weitsicht und Unbeirrbarkeit einen Geistesverwandten Winston Churchills. Deshalb findet Rühle es auch nur angemessen, dass es jetzt drei Wiederauflagen bzw. Neuveröffentlichungen von und über Sebastian Haffner gibt:
1.) Sebastian Haffner: "Churchill"
Bei diesem Biografie Haffner über Winston Churchill handelt es sich um eine Wiederauflage des 1967 erstmals veröffentlichten Buches. Nach Ansicht des Rezensenten merkt man der Biografie die Bewunderung an, die Haffner für Churchill empfand, ja er findet sogar, dass Haffner den britischen Politiker und "bulligen Einzelgänger in lustvoller Emphase feiert". Trotzdem verliere Haffner nicht seine kritische Distanz und werde seinem Forschungsobjekt gerade deshalb gerecht, so Rühle, "weil er auch Churchills Schwächen scharf ausmodelliert", z.B. seinen Starrsinn, seinen Machthunger und auch seine Sympathien für die Anfänge des Faschismus.
2.) Sebastian Haffner: "Schreiben für die Freiheit. 1942-1949"
Der Rezensent zeigt sich ziemlich beeindruckt von den hier kompilierten Texten, die Haffner einst für den Observer, die bedeutendste liberale englische Zeitung geschrieben hat und findet, dass sie auch 60 Jahre nach ihrem Erscheinen noch lesenswert sind, weil sie "Ironie und kühle Analyse, feinkörnige Alltags-Beobachtung und erfundenen Szenarien kunstvoll" miteinander verbinden. Was Rühle besonders gefällt: Haffner kann pointiert erzählen und scharf- und weitsichtig analysieren. Diese Kombination hebe ihn ganz deutlich von den "blassgrauen Leitartikeln seiner Zeit" ab. Ein interessantes Dokument ihrer Zeit sind die Texte nach Rühles Ansicht zudem auch noch. Sie machten deutlich, "wie viele Optionen nach dem Krieg durchgespielt wurden" hinsichtlich des Neugestaltung Europas und der Welt. Die Verwirrung darüber, was nun zu tun ist, die sich durch die Leitartikel dieser Zeit gezogen habe, finde sich zwar auch in Ansätzen bei Haffner - gerade das aber macht nach Rühles Meinung deutlich, wie die politische Wirklichkeit "sich aus einer Gemengelage von Fakten und Möglichkeiten, Wünschen und strategischen Zwängen ... herausgeschält hat".
3.) Uwe Soukup: "Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biografie"
Gar nicht begeistert ist Rühle hingegen von der Biografie, die der Verleger Uwe Soukup über Sebastian Haffner geschrieben hat. Seiner Ansicht nach hat der Autor "die Chance des Nachgeborenen" vertan, "der aus der Retrospektive ein ganzes Leben überblicken kann". Statt dessen hangele sich Soukup brav und fleißig an der Lebensgeschichte Haffners entlang und schaffe es nicht "den Frei- und Quergeist, den agent provocateur" zu erklären. Rühle kritisiert vor allem, dass sich Soukup bei der Beschreibung der Jugendjahre des Publizisten zu stark an Haffners autobiografischem Abriss "Geschichte eines Deutschen" orientiere und nur das paraphrasiere, was Haffner in seiner Autobiografie selbst mitgeteilt habe. Auch würden seine späteren Jahre zu schwach ausgeleuchtet; und "sein dritten Lebensentwurf, als Publizist, Schriftsteller und Historiker im Nachkriegsdeutschland" kommt nach Ansicht des Rezensenten eindeutig zu kurz.
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