Sarah Blaffer Hrdy

Mutter Natur

Die weibliche Seele der Evolution
Cover: Mutter Natur
Berlin Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783827002402
Gebunden, 754 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Andreas Paul, Ellen Vogel, Karin Hasselblatt, Matthias Reiss und Monika Schmalz. Dieser Band ist eine Studie über die Frage, wie und warum sich evolutionsgeschichtlich verschiedene Formen von Mutterschaft herausgebildet haben. Zahllose Beispiele belegen, mit welch flexiblen Strategien Mütter aller Arten das eigene Überleben und das ihrer Nachkommen zu sichern versuchen. Dem Klischee der "scheuen" Frau und aufopferungsvollen Mutter setzt Hrdy provokante Erkenntnisse der Soziobiologie entgegen und stellt kenntnisreich und spannend die weibliche Seite der Evolution dar, die Darwin unterschlagen hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.10.2000

Der mit "lx." zeichnende Rezensent bescheinigt der amerikanischen Autorin, umfangreiches Material zum Thema Mutterschaft zusammengetragen und eine interessante Studie vorgelegt zu haben, die "Anthropologie, Geschichte, Mythologie und Biologie" verbindet. Allerdings moniert er das Fehlen einer resümierenden Zusammenfassung, die seiner Meinung nach bei derart "brisanten Thesen" nötig gewesen wäre.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.10.2000

Obwohl sich Manuela Lenzen in ihrer Rezension mit einem dezidierten Urteil zurückhält, so wird doch deutlich, dass sie dieses Buch mit großem Interesse und Gewinn gelesen hat. Nicht nur dass die Autorin mit alt hergebrachten Stereotypen und Mythen wie der weiblichen Passivität aufräume. Nach Lenzen zeigt Hrdy deutlich auf, dass weibliche Lebewesen schon immer auch "Strategen und Entscheidungsträger, Opportunisten, Geschäftemacher und Dynasten" waren. Anhand umfangreichen Materials hat die Autorin, wie der Leser erfährt, aufgezeigt, dass das Paarungsverhalten von weiblichen Lebewesen, z. B. den Makaken, auch von sozialen Faktoren abhängt. So paaren diese sich häufig mit Männchen anderer Gruppen, damit sie die Gruppe der Mutter vor Angriffen der Gruppe des Vaters verschonen. Aber auch die Mutterliebe von Menschen sei von sozialen Interessen abhängig. So werden besonders diejenigen Kinder umsorgt, die einen sozialen Aufstieg der Familie versprechen. Mutterinstinkt, so Lenzen, sei daher ein Mythos, auch wenn weder sie noch die Autorin chemische Prozesse bei der Mutterschaft verleugnen. Eine besondere Stärke des Buchs sieht die Rezensentin darin, dass es der Autorin immer wieder gelingt, auch Bezüge zur heutigen Zeit herzustellen. Ein Buch, dass sie nicht nur Müttern als Lektüre empfiehlt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Katharina Rutschky setzt sich mit vier Neuerscheinungen über den menschlichen Umgang mit Tieren und die moderne Kritik an der Evolutionstheorie auseinander. Nicht der Angriff auf die Theologie werde Darwin heute vorgeworfen, sondern vielmehr die "Dynamik der Evolution", schreibt sie. So gebe es heute neben der Faszination an den modernen Biotechnologien gleichzeitig eine "fast religiöse" Rückbesinnung auf die Natur. Damit beschäftige sich das Buch
1) Burkhard Müller: "Das Glück der Tiere"
Der Literaturwissenschaftler Burkhard Müller betreibe hier einen "sprachlich brillanten Aufwand", um zu zeigen, dass eine individuelle Existenz nur möglich sei, wenn man Darwins Lehre überwinde. Damit flüchtet Müller sich aber in eine "feige Metaphysik", so die Rezensentin. Rutschky macht darauf aufmerksam, dass das "Glück der Tiere" im Grunde erst begonnen hat, als Darwin den Menschen zum "fellow animal" erklärt und ihm damit seinen Status als höherstehendes Wesen abgesprochen hat.
2) J.M. Coetzee: "Das Leben der Tiere"
Rutschky preist dagegen das "kleine, raffinierte Meisterwerklein" des südafrikanischen Schriftstellers J.M. Coetzee, eine "philosophische Erzählung" mit Fußnoten zum Stand der Wissenschaft über eine alte feministische Schriftstellerin, die sich an einer Universität mit ihrem vehementen Eintreten für das Wohl von Nutz- und Schlachttieren "lächerlich macht". Rutschky bewundert das Verfahren Coetzees, der die Frau in ihrer ganzen Zwiespältigkeit beschreibe und dabei "jede Raffinesse" aufwende, die einem Schriftsteller heute zur Verfügung stehe.
3) Sarah Blaffer Hrdy: "Mutter Natur"
Um eine weibliche Perspektive der Evolutionstheorie bemühe sich die Feministin Sarah Blaffer Hrdy in ihrem "Wälzer" von fast 800 Seiten. Zu Recht, schreibt Rutschky, denn diese Seite sei von Darwin unter dem Einfluss viktorianischer Frauenideale zeittypisch vernachlässigt worden. Vom Beispiel der Wespen, über die Soziobiologie bis zur Frage der Abtreibung komplettiere die Autorin die Evolutionstheorie um ihre "vorher fehlende Hälfte".
4) Peter Dinzelbacher (Hrsg.): "Mensch und Tier in der Geschichte Europas"
Was die Tiere dagegen von den Menschen zu erwarten hätten, referiere der "nüchterne, fast meinungslose" Sammelband des Herausgebers Peter Dinzelbacher. Ausgehend von der Vorgeschichte, der griechischen und römischen Antike werde hier beschrieben, wie zum Beispiel die Römer sich in aller Unschuld an den blutigen Tier- und Menschenkämpfen delektierten. Das Buch weise schließlich auf die Spaltung im Bewusstsein der Moderne hin, wo der Schutz der Natur und deren industrielle Ausbeutung miteinander einhergingen. Das alles beschreibt die Rezensentin, um am Ende doch zu Darwin zu halten und seiner Lehre von der ständigen, wenn auch ungerichteten Weiterentwicklung. Rutschky fasst das in dem Sinnspruch zusammen: "Das Leben geht weiter..."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.08.2000

Die Autorin, die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy, ist ein Glückstreffer, schreibt Susanne Mayer begeistert: "für ihre Disziplin und für uns Mütter". (Bitte weiterlesen!) Mayer scheut nicht davor zurück, Hrdy in einem Atemzug mit Charles Darwin zu nennen, denn ihrer Meinung nach hat die amerikanische Wissenschaftlerin als erste den Versuch gewagt, mit einer ebenso wissenschaftlichen wie persönlichen Recherche zum Aufzuchtverhalten von Mensch und Tier eine Erklärung dafür zu finden, wie sich der evolutionäre Sprung vom Affen zum Menschen vollzogen hat. Dabei sei Hrdy auf erstaunliche Einsichten gestoßen, so Mayer, insofern die Autorin ihr Augenmerk weniger auf das Fortpflanzungsverhalten selbst als auf die Situation der Aufzucht gerichtet hat: unter welchen Umständen sichern und fördern Mütter das Überleben ihres Nachwuchses - und wann entscheiden sie sich dagegen? Hrdys Thesen zum Selektionsverhalten der Mütter findet Mayer gewagt und keineswegs frei von politischen Implikationen. Denn Frauen die Aufzucht allein aufzuhalsen, sei keinesfalls ein in der Natur verbreitetes Phänomen.

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