Sabine Gruber

Die Zumutung

Roman
Cover: Die Zumutung
C. H. Beck Verlag, München 2003
ISBN 9783406502644
Gebunden, 224 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Mariannes Körper arbeitet der Vergänglichkeit schneller entgegen, bestimmter als üblich, die Lebenszeit ist radikaler, vorhersehbarer begrenzt. Dennoch und eben deshalb hat sie Liebschaften, geht auf Feste, lernt Beppe kennen, der hartnäckig und unbeholfen um sie wirbt und ihre Liebe gewinnt, weil er so gut zuhört, er, der Übergewichtige, der ihren fremdgewordenen Körper besser kennt als der ferne Freund und eigentliche Gefährte Mariannes, Paul in Rom. Doch alle können nur zusehen, wie folgerichtig Gefühle, Gedanken und schließlich die Existenz zur Disposition stehen. Mariannes Körper stört jede Nähe, jede Lust, jeden Frieden, "es ist, als verlangte mein Körper Antworten, ohne vorher Fragen zu stellen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.01.2004

"Man muss den Tod in ein Gespräch verwickeln, ihn ablenken. Er arbeitet weniger schnell, wenn man mit ihm spricht", zitiert Hauke Hückstädt aus dem Prolog des zweiten Romans von Sabine Gruber, der aus der Perspektive der chronisch nierenkranken Marianne ein Leben im Zeichen der Dialyse, des Tauschen und Vertauschen schildere. Ihre eigene Beerdigung wird der Erzählerin zum Anlass für Rückblenden auf ein Leben, dessen Milieu Männer dominierten, beschreibt der Rezensent. Der Autorin, die sich "ein schweres und schmerzhaft süßes Material" ausgesucht habe, sei ein "leichtes Buch" gelungen, das seinen schweren Stoff "in einem fort dialysiert", definiert Hückstädt. Der Rezensent lobt die "Flüssigkeit", mit der das Leben und Sterben einer Durstigen aus der Sargperspektive erzählt wird und die "das befürchtet schwere Ausgangsmaterial" am Ende fast leicht "wie ein Schwamm, der gewrungen wurde", macht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2003

Oliver Jungen hat Sabine Gruber den "Weg vom ersten Ursprung bis zur letzten Grenze aller Literatur" zurücklegen sehen, steht am Zieleinlauf und applaudiert zu einem hervorragend komponierten und "ohne Abstriche" gelungenen Roman. Der Grund für die Strapaze: Wer über das Erzählen als Mittel zum Aufschub des Todes schreibt, lade sich eine Riesenlast Tradition auf - ein Parcours, der durchlaufen werden müsse. Dabei sei das Mittel, den Todesengel auf Abstand zu halten, nicht die Schwere, sondern die Beiläufigkeit: Man kann ihn nicht überzeugen, nur ablenken. Das wüsste auch die Heldin Marianne, eine Nierenkranke vor der entscheidenden Operation, die ihm den Wind aus den Segeln nehme, indem sie ihre eigene Beerdigung imaginiere und darin das Leben einflechte. Das Ende kommt sowieso - wie im Leben, so auch im Roman - und mehr als ein Kompromiss ist mit Gevatter Tod nicht zu schließen, meint Jungen. In diesem Fall, findet er, ist er ganz besonders vorteilhaft für das Leben ausgefallen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2003

Gut gefallen hat Michael Kothes dieser - ja - komische Roman über das Sterben. Die Wiener Autorin Sabine Gruber erzählt darin von einer Kunstfachfrau, deren Lebenskraft wegen eines "unheilbaren Defekts" rapide schwindet. Während die Freunde aus den Künstlerkreisen an Ego und Zukunft basteln, vermag sich die von Todesvisionen heimgesuchte Erzählerin, so Kothes, nichts anderes auszumalen als die eigene Beerdigung. Die erzählte Liebes- und Leidensgeschichte folgt natürlich der Dramaturgie einer Katastrophe, aber wie Gruber die Geschehnisse aus dem Blickwinkel einer Todgeweihten ohne Rührseligkeit, dafür mit "sanfter Komik" erzählt - das sei schon ein "Kunststück für sich". Und abschließend lobt Kothes, dass Grubers Roman nicht unbedingt neue Einsichten vermittele, aber durchaus eindruckvoll daran erinnere, dass wir in unseren Körper nicht zu Hause sind.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.03.2003

Auch wenn es hier um Tod geht, um chronische Krankheit und das Warten aufs Sterben, kann von einer "larmoyanten" oder "sentimentalen" Zumutung nicht die Rede sein, lobt Rezensent Paul Jandl. Dafür sei Sabine Grubers Umgang mit der Sprache viel zu genau, viel zu durchdacht. Ihre Geschichte um das Ende der nierenkranken Kunsthistorikerin Marianne schreibe Gruber mit komponierter "Lakonie", die aber die Bilder fließen lasse, in einem "unausweichlichen" Fluss. Tatsächlich sei hier alles von der "existentiellen Metapher des Wassers" durchdrungen, und das mache Marianne zur Undine: das im Körper gestaute Wasser, die Wasserläufe der besuchten Städte, der Durst und die haltlos vergehende Zeit. Die aufkommende "Verzweiflung", so Jandl, rächt sich mit Witz "am Pathos des Todes" und skizziert nebenbei "das soziale Milieu oberflächlicher Tiefsinnigkeit".