Gedichte waren es, so Ruth Klüger, die ihr geholfen haben, den Holocaust zu überleben. Doch nicht nur Gedichte anderer gaben ihr Halt, sondern auch die eigenen, die sie als junges Mädchen in Auschwitz und danach bis in die Gegenwart hinein verfasste, aber kaum veröffentlichte. Nach dem Krieg beschäftigte sie sich als Literaturwissenschaftlerin zunächst mit fremden Texten. Beim Schreiben eigener Lyrik setzte sie sich immer wieder mit Adornos berühmtem Satz "Nach Auschwitz Gedichte zu schreiben ist barbarisch" auseinander, um ihn dann doch achselzuckend beiseitezuschieben. In diesem Band sind nun erstmals Ruth Klügers eigene Gedichte, entstanden zwischen 1944 und heute, versammelt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2013
Zerreißprobe bestanden, meint Wulf Segebrecht angesichts des späten, doch nicht zu späten ersten Gedichtbandes von Ruth Klüger, einer Auswahl aus einer, wie wir vom Rezensenten erfahren, lebenslangen lyrischen Betätigung. Die Zerreißprobe besteht für Segebrecht zum einen in der Anlage des Bandes als Sammlung von 34 autobiografischen Gedichten samt jeweiliger Selbstinterpretation, die ihm übrigens zum Verständnis wunderbar gedient zu haben scheinen. Zum anderen in der Tatsache, dass Klüger sowohl im Englischen als auch im Deutschen dichtet. Die enthaltenen Kindheitsgedichte oder auch Klügers Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten haben den Rezensenten beeindruckt - von diesem Leben und von einer nun lesend erfahrbaren dichterischen Begabung.
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