Ruth Klüger

Gelesene Wirklichkeit

Fakten und Fiktionen in der Literatur
Cover: Gelesene Wirklichkeit
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
ISBN 9783835300262
Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Steht es dem Schriftsteller frei, einen historischen Stoff in einem literarischen Text nach eigenen Maßgaben zu verändern? Von Platon bis Philip Roth reicht das Spektrum der Texte, anhand derer Ruth Klüger dieser Fragestellung nachgeht.
Was ist wahr? - Wie steht es um das Verhältnis des geschichtlichen Faktums zum Erzählen davon? - Ruth Klüger beschäftigen seit vielen Jahren die philosophischen, moralischen und nicht zuletzt ästhetischen Dimensionen dieses Problems. Warum hat der Dramatiker Schiller Jeanne d'Arc auf dem Schlachtfeld sterben lassen, wiewohl er es als Historiker besser wußte? Wieso können wir es leicht hinnehmen, dass er Maria Stuart so deutlich "verjüngt", fänden es aber unverzeihlich, hätte Tolstoi Napoleons Niederlage im Rußlandfeldzug unterschlagen? Warum wird ein und derselbe Text ganz neu gelesen, wenn man erfährt, dass sein Verfasser nicht eigene Erinnerungen aufgeschrieben hat, etwa als ein Überlebender der Lager, sondern eine Romanhandlung in Ich-Form erfunden hat?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.05.2006

Mit großem Gewinn hat Rezensent Oliver Pfohlmann die in diesem Band gesammelten Reden, Rezensionen und Vorlesungen gelesen, die sich seinen Informationen zufolge mit den Zusammenhängen von Fakten und Fiktionen, Ethik und Ästhetik in der Literatur auseinander setzen. Dabei begeistert ihn besonders, dass Ruth Klüger keine Dekrete sondern Denkexperimente vorgelegt hat, und ihre Leser dabei mit ebenso "unaufgeregten wie beharrlichen Reflexionen" am Prozess der Wahrheitsfindung teilhaben lässt. Der Rezensent stellt einige Themen und Argumentationen der Autorin vor, die sich besonders mit dem Themenkomplex Holocaust-Literatur auseinander setzten, wo Ruth Klüger dem Rezensenten zufolge die Gemengelage besonders schwierig und für den Leser nicht immer leicht durchschaubar findet, Auseinandersetzung und Differenzierung aber für besonders wichtig halte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2006

Anerkennend äußert sich Friedmar Apel über diesen Band, der Aufsätze und Reden Ruth Klügers zum Verhältnis von Literatur, Wirklichkeit und Geschichte versammelt. In seiner akademisch gehaltenen Besprechung unterstreicht er Klügers Präferenz eines an Lessing orientierten Literaturbegriffs sowie ihre Distanz zu idealistischer und ästhetizistischer Autonomieästhetik. Neben der Auseinandersetzung mit der Autonomieästhetik der deutschen Klassik, bei der die Autorin Schiller eine Missachtung der Geschichte vorhält, hebt Apel insbesondere die Erörterung des Problems der Holocaust-Darstellung in der Literatur lobend hervor. Er würdigt Klügers "klare Sprache", ihre "undogmatische Argumentation" sowie ihre "souveränen Urteile", an denen die Leser ihre Freude haben dürften. Demgegenüber verschweigt er allerdings nicht, dass Klüger für Literaturwissenschaftler und Kritiker Zurechtweisungen bereithält, "die manch einer mit säuerlicher Miene zur Kenntnis nehmen wird."