Nach Kant liegt der Zweck der menschlichen Existenz in der Moral und damit der Freiheit, auf sie richtet sich unser gesamtes Vernunftinteresse. Aus diesem gut bezeugten Zentrum werden in der vorliegenden Untersuchung die kopernikanische Wende, die Geschichtsphilosophie und vor allem die drei Kritiken interpretiert; dass die Kritik der reinen Vernunft sich als republikanischer Gerichtshof artikuliert, ist in der Leitidee der moralischen Bestimmung des Menschen begründet. Kants Wirkung beruhte auf dem Freiheitspathos, mit dem er sich gegen die Bevormundung durch die Despoten und eine scholastisch verwaltete Metaphysik stellte. Im letzten Kapitel, Die Vierte Kritik, werden Äußerungen untersucht, gemäß denen eine neue Kritik der reinen Vernunft die drei Kritiken der Vernunft bzw. des Verstandes (1781), der Urteilskraft (1790) und der praktischen Vernunft (1788) in ihrer Vollständigkeit begründen sollte; es wird gezeigt, dass dieses Projekt Kant notwendig schien, aber zugleich nicht durchführbar war.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007
Mit kritischem Verstand nimmt sich Otfried Höffe Reinhard Brandts "Summe seiner Beschäftigung mit Kant" vor. Dem "Gewinn und Vergnügen" bei der Lektüre der philosophiegeschichtlichen Studie stellt er in seiner Besprechung die Kritik an einer gewissen Pointierungsschwäche, am gelegentlichen Überschätzen der eigenen Erkenntnisse und an der mangelnden Zurkenntnisnahme der Kant-Forschung gegenüber. Ferner erscheint dem Rezensenten die Beschäftigung mit den drei Kritiken im Band zu marginal und von geringem Neuigkeitswert. "Hilfreich" und "schön" nennt er Höffes Beobachtungen, erkennt eine "intensivere Beschäftigung" jedoch nur bei der dritten Kritik Kants, während ihm Höffes Argumentation zu einer "angeblich bisher übersehenen vierten Kritik" kaum überzeugt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.09.2007
Volker Gerhardts Hoffnung auf eine Studie zur Genese und Funktion der Kant'schen "Selbstbestimmung" wird enttäuscht. Reinhard Brandts Arbeit liest der Rezensent als Versuch, Kant als "Ding an sich" der Philologie zu präsentieren und die Selbstbestimmung "aus rein praktischer Vernunft" gegen die historische Realität auszuspielen. Bei aller Text- und Quellenkenntnis des Autors - eine derartige Isolierung Kants und der philosophischen Erkenntnis geht Gerhardt zu weit. Bedauernd sieht er Quellen der Antike und der Renaissance ungenutzt und des Autors "ehrgeizige systematische Ziele" zu Missverständnissen führen. Zu philosophisch bedeutsamen Einsichten führt das Buch den Rezensenten wenn überhaupt, nur über Umwege.
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