Rainer Maria Rilke

Silberne Schlangen

Die frühen Erzählungen aus dem Nachlass
Cover: Silberne Schlangen
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783458172260
Gebunden, 183 Seiten, 16,80 EUR

Klappentext

Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Zusammenarbeit mit Hella Sieber-Rilke, besorgt durch August Stahl. Zwei literarische Strömungen kreuzen sich auf besondere Weise in den hier zum größten Teil erstmals publizierten Erzählungen des zwanzigjährigen Rilke: der realistische, detailgenaue, manchmal drastische Darstellungsmodus des Naturalismus und der hohe Ton des sich ankündigenden Symbolismus der Jahrhundertwende. Exemplarisch hierfür mag die Titelerzählung stehen, deren ornamental anmutende Überschrift in Wirklichkeit die Bahngleise meint, auf denen ein Verzweifelter den Tod finden wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2005

Der junge Dichter und seine Gothic-Stories: Rüdiger Görner hat Rainer Maria Rilkes frühe, bis 1897 entstandene Prosa mit großem Interesse gelesen und empfiehlt sie für als Lektüre für "tiefgraue Herbsttage", begehen sie doch den "Totensonntag in Permanenz". Er vermutet, dass Rilke damit seine dunklen Phantasien austreiben wollte, um seine Gedichte umso klarer strahlen zu lassen. So ähnlich ist es auch mit dem Stil: Hier klingt vieles ungeschliffen, ausprobierend, experimentell - "aufgeraute Rilke- Texte", die deshalb nach Ansicht des Rezensenten nicht weniger interessant sind, zumal sie von einem "lesenswerten" Nachwort begleitet werden.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.04.2005

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Rainer Maria Rilke von einer Veröffentlichung seiner  Jugendwerke begeistert gewesen wäre, meint Rezensent Hans Christian Kosler. Denn er habe darin eher "Keimblättchen" gesehen, und bekanntlich haben diese "nicht die Form des künftigen Blattwerks und sehen bei allem Kraut ungefähr gleich aus". Auch kann bei den 13 unveröffentlichten Erzählungen, aus denen der vorliegende Band sich zusammensetzt, in den Augen des Rezensenten nicht eigentlich von Erzählungen gesprochen werden. Dafür seien sie schlicht zu unfertig, zeugten von "stilistischer Unbeholfenheit" und sorgen mit ihren "bemühten Stimmungsbildern" für Komik der unfreiwilligen Art. Doch selbst hier, inmitten zeittypischer Motive und insbesondere Frauenbilder, sieht der Rezensent den späteren reifen Dichter angelegt. Insgesamt wertet der Rezensent diesen "vorzüglich kommentierten Band" als wertvolles Buch für den "Rilke-Interessierten".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.11.2004

Rilke hatte einer Veröffentlichung seiner frühen Erzählungen zu seinen Lebzeiten nicht zugestimmt, wohl weil er um ihre Anfängerschwächen wusste, vermutet Hannelore Schlaffer. Stattdessen hätte er sich eher den Kopf darüber zerbrechen sollen, schreibt sie, dass man ihn als "nekrophilen Frauenverehrer" hätte outen können. Auch wenn weibliche Wasserleichen durchaus ein gängiges literarisches Motiv jener Zeit waren, sei es auffällig, dass alle Erzählungen dieses Bändchens ausschließlich von Frauen handelten und dies wiederum nur in Verbindung mit dem Tod - sei es dem eigenen Tod oder dem ihrer Männer. Aber auch wenn alle Erzählungen weibliche Schicksale schilderten, stellt Schlaffer fest, erzählten sie doch nur von Männern; Frauen seien nichts als die Symptome einer männlichen Krankheit, eines Seelenzustands, den Rilke mit aller Faszination am Schrecken des Weiblichen schildere. Schlaffer weiß keinen Autor, der mit solcher Obsession die Frau zum Schicksal des Mannes erhoben hätte. Diese Obsession trete gerade in der Folge der Erzählungen deutlich hervor, fasst sie zusammen. Dass Rilke es später verstand, Frauen auf Abstand zu halten und dennoch von ihnen zu profitieren, interpretiert sie nun als "Ergebnis des nie vollständig bewältigten Schreckens", den Frauen offensichtlich bei ihm auslösten.
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