Vor 500 Jahren hat Albrecht Dürer (1471-1528) seinen Meisterstich MELENCOLIA I vollendet, der wohl mit Recht als das am häufigsten interpretierte Werk der Kunstgeschichte angesehen wird. Und doch werden immer wieder neue Versuche unternommen, dieses unausdenkbare Denkbild, wenn auch nicht umfassend, so doch in bestimmten Aspekten adäquater zu verstehen. Auch in diesem Buch, dessen Aufmerksamkeit zunächst einmal dem geflügelten Putto im Zentrum des Kupferstiches gilt. Er wird ganz anders als bisher in der Melencolia-Forschung verstanden: nicht als eifrig beschäftigter, sondern als passiv untätiger Putto melancholicus. Freilich ist die eigentliche allegorische Zentralfigur im Bildgefüge des Stiches - die große geflügelte Melencolia-Gestalt - auch hier die ikonologische Hauptperson. Im ausführlich thematisierten Kontext der kunsttheoretischen Schriften Dürers wird sie - diese Hohe Frau der Melancholie - als eine Art geistiges Selbstbildnis des Künstlers gedeutet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.06.2015
Gut lesbar findet Caroline Kesser Rainer Hoffmanns Studie zu Dürers Meisterstich "Melencolia I". Vor allem aber erstaunen sie die Erkenntnisse, zu denen sie der Autor möglichst vorurteilslos, doch mit Respekt vor der Forschung führt. Hoffmanns Interpretation des Werkes mittels Sehen verblüfft die Rezensentin. Putto und Melancholie-Figur erfahren bei Hoffmann Umdeutungen, die laut Kesser gängigen Interpretationen widersprechen. Dass sie plausibel sind, nicht zuletzt durch Hoffmanns Rückgriff auf Dürers Texte, kommt für die Rezensentin einer kleinen Sensation gleich.
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