Alle Menschen werden mit gleicher Würde und gleichen Rechten geboren. Diese Aussage erscheint normativ ebenso unumstößlich wie empirisch unzutreffend; die Realität widerlegt sie mit jedem Tag aufs Neue - und bestätigt damit ihre Bedeutung. Die Wahrheit dieses Prinzips ist philosophisch im Rückgang auf Kants Idee einer "noumenalen Republik" aufzuklären, in der jede Person dem allgemeinen Gesetz unterworfen ist, das sie zugleich als Gesetzgeber mitkonstruiert. Inwiefern die Wirklichkeit dem Hohn spricht, muss eine kritische Analyse von Gesellschaft und Politik zeigen. Damit diese Perspektiven nicht auseinanderfallen in ein weltfernes Ideal und eine Diagnose der Ausweglosigkeit, bedarf es einer kritischen Theorie nach Kant, wie sie Rainer Forst in diesem Band entwirft.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.06.2022
Rezensent Thomas Meyer bekommt vom Politiktheoretiker und Philosophen Rainer Forst Mittel an die Hand, die heutige Krisen der Demokratien besser zu verstehen. Die sechzehn im Band enthaltenen Essays setzen sich laut Meyer ferner mit der Kritischen Theorie auseinander, in deren Tradition der Autor agiert, wie Meyer weiß. Gelesen als "Dialektik der Demokratie" vermitteln die Texte dem Rezensenten "strukturelle und normative" Probleme der Demokratie und werben für ihr soziales Gestaltungspotenzial. Dass Forst seine Ideen politiktheoretisch grundiert und begriffssensitiv vorgeht, scheint Meyer angebracht und zielführend. Als Einstieg in Forsts politisches Denken eignet sich der Band laut Meyer gut.
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