Raduan Nassar

Das Brot des Patriarchen

Roman
Cover: Das Brot des Patriarchen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416150
Gebunden, 147 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Berthold Zilly. Unter dem Blick des Patriarchen sitzen sie am ländlichen Familientisch, hören seine Reden von alttestamentlicher Wucht. Der siebzehnjährige Andre droht darunter ebenso zu ersticken wie unter der übergroßen Zärtlichkeit der Mutter. Als er bemerkt, wie haltlos, wie leidenschaftlich seine Liebe zu seiner Schwester Ana ist, flüchtet er und sprengt damit die Scheinidylle der Familie. Andre selbst erzählt seine Geschichte, nachdem sein Bruder Pedro ihn aus einer schäbigen Kleinstadtpension zurückgeholt hat, eine Heimkehr, die nicht in Versöhnung enden kann. Der Roman, in Brasilien seit seinem Erscheinen 1975 als Meisterwerk erkannt, wurde 2001 von Luiz Fernando Carvalho verfilmt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2004

Dieser brasilianische Roman ist schon knapp 30 Jahre alt, aber immer noch verdammt faszinierend, findet Hans-Martin Gauger. Er sei durchaus etwas gewöhnungsbedürftig, gesteht er, was an dem durchgängig hohen lyrischen Ton liege, den Raduan Nassar, Sohn libanesischer Einwanderer, angeschlagen habe (wobei Berthold Zilly vorzügliche Übersetzungsarbeit geleistet hat, wie der Rezensent lobt). Der Roman ist weder realistisch noch surrealistisch, fährt Gauger in seinem Versuch der Klassifizierung fort. Das Buch spiele in einer ganz archaischen Welt, ohne dass diese ländliche Welt Thema wäre. Im Mittelpunkt steht die Beziehung des Patriarchen zu seinen drei Kindern, die sich am Ende in einer biblisch konnotierten Wahnsinnstat entlädt. An sich alles nicht aufregend, wundert sich Gauger und spricht von einem "intensiven Sog", den der Roman auf ihn ausgeübt habe. Da gebe es ungemein kühne Metaphern, eine kreisende rhetorische Sprache, jener ungewohnt hohe pathetische Ton, von dem schon die Rede war, gegensätzliche Empfindungen wie unsinnlich und aufreizend zugleich, vor allem aber, so Gauger, diesen "drängenden Impuls, der es beglaubigt".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.09.2004

Rezensent Thomas Sträter staunt, wie "vielschichtig" Raduan Nassars Roman trotz seines "knappen" Umfangs ist. Eine "zeitenthobene Allegorie einer Diktatur" vereine sich hier mit der politikfernen Darstellung der "condition humaine". In einem "Pathos-satten", "alttestamentarisch" gehaltenen Ton werde die Geschichte des "verlorenen Sohnes" erzählt, der dem Hof des "patriarchalisch herrschenden " Vaters entflieht und vom Bruder zurückgeholt wird. Beim Osterfest, einen Tag nach der Heimkehr, kommt es dann zur "Tragödie". In der Erzählung sind die Zeitebenen der Rückholung und des folgenden Fests wechselweise geschildert, was Rezensent Sträter als "kunstvoll ineinander verwoben" empfindet. Dabei betont er, dass niemand von diesem Roman eine einfach nur "unterhaltende Geschichte voller dramatischer Höhepunkte" erwarten sollte; vielmehr sei das Buch eine "Herausforderung an den Leser". "Lyrische, hoch gespannte expressive Prosa" werde hier geboten, voll von "traumartigen Satzkaskaden" und "Brechungen" und damit der "Geduld" der Leser bedürftig. Die von Berthold Zilly besorgte Übersetzung findet Sträter "makellos". Allerdings bedauert er, dass der umgangssprachliche Wortschatz des Originals in mitunter zu "gewählt" klingenden Worten wie beispielsweise "Seelenangst" wiedergegeben wurde.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.08.2004

Rezensent Hans Christoph Buch beginnt seine Besprechung mit höchstem Lob für den Übersetzer und Brasilianisten Berthold Zilly: Zilly übersetze "kongenial" und ediere "mustergültig", was er übertrage, sei stets "Augenöffner" und "literarische Entdeckung". Und eine Entdeckung sei auch der von ihm übersetzte Roman "Das Brot des Patriarchen" von Raduan Nassar. Rezensent Buch hat für diesen Roman nur ein Wort: "Meisterwerk". Buch bekennt, dass er sich nach der Lektüre so "fasziniert" wie "irritiert" gefühlt habe, bereits mit dem "ersten Satz" habe ihn diese "erotisch aufgeladene Prosa" in den "Bann" geschlagen. Und Buch verspricht, dass es anderen Lesern ebenso gehen werde. Denn dieser Roman - so beschwört er- führt zum "Urgrund der Literatur, wo Heiliges und Profanes" noch vereint sind. Erzählt wird die Geschichte des jungen Andre, der seiner großen Familie entflieht, jedoch von einem älteren Bruder wieder zurückgebracht wird, und dessen Rückkehr in einem Familienfest mit überraschendem "Ende" begangen wird - Buch erkennt darin eine Anspielung auf die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn. Doch nicht die Handlung ist für Buchs Begeisterung entscheidend, sondern die "schwebende Vieldeutigkeit" des Romans, der "keine Konzessionen an Logik und Lesbarkeit macht", gepaart mit einer "poetisch durchglühten Sprache", die Buch zwischen Rilke, Trakl und dem "Hohelied Salomos" verortet. Außerdem weist Rezensent Buch noch auf das Nachwort des Übersetzers Zilly hin, gleichfalls ein "Meisterwerk".
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