Rada Biller

Melonenschale

Lebensgeschichten der Lea T.. Autobiografischer Roman
Cover: Melonenschale
Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783827003591
Gebunden, 371 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Antje Leetz. Entlang ihren persönlichen Erinnerungen, widergespiegelt in den Lebensgeschichten der literarischen Figur Lea T., zeichnet Rada Biller mit leichter Hand das Bild einer kulturellen und politischen Epoche. Lea, die Chronistin von Melonenschale, ist bereits sieben Jahre alt und es hat sie und ihre Familie nach Moskau verschlagen, nein eigentlich in den Vorort Woskressensk, wo sie in einer staubigen Siedlung untergekommen sind und Lea sich erstmal als "Emigrantin" fühlt. Angefangen hat ihre Geschichte im menschenüberfüllten, farbenprächtigen aserbaidschanischen Baku, wo sie als Tochter ihrer jüdischen Mutter Selda Perlschtein und ihres armenischen Vaters Akop Tschachmachtschew auf die Welt kam. Die Kriegsjahre werden sie nach Baschkirien, dann nach Stalingrad führen. Später wird sie viele Jahre in Prag verbringen, von dort mit ihrer Familie als politische Emigrantin nach Hamburg gelangen - zurückbleiben mußte auf dieser letzten Etappe das alte Klavier, ein Familienheiligtum, das immerhin bereits die Wirren der Oktoberrevolution überstanden hatte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.05.2004

Rezensent Cord Aschenbrenner ist schlicht beeindruckt von den Lebensaufzeichnungen, die Maxim Billers Mutter Rada vorlegt. Ihr erzählerisches Alter Ego Lea T., Tochter eines Armeniers und einer russischen Jüdin, werde in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku geboren und müsse sich schon früh an wiederholte Fluchten und Umzüge gewöhnen, die sie jedoch mit der Leichtigkeit eines glücklichen Kindes wegstecke. Denn was am kaukasischen Baku "unübersichtlich, gefährlich und hygienisch nicht immer einwandfrei" sei, wird laut Rezensent aufgewogen durch "emotionale Vollwertkost". Nach dem Zweiten Weltkrieg, referiert der Rezensent, erwartet die Familie ein Leben im andauernden Provisorium und ohne Privatsphäre in den sogenannten "Kommunalkas", den sowjetischen Mehrfamilienwohnungen. Rada Billers Erzählerin Lea, lobt Aschenbrenner, ist eine "gute Erzählerin", die "fast leidenschaftslos" aber "mit offenem Blick" ihr Leben in der Sowjetunion schildert wie eine "Reporterin der Retrospektive". Sie klage nicht, sie erzähle lediglich, wie es war und das mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen. Nach Krieg und Stalin habe Lea einen Tschechen geheiratet und sei ihm zuerst nach Prag und dann, in den siebziger Jahren, ins Exil nach Hamburg gefolgt. Hier hätten die Aufzeichnungen nach Ansicht des Rezensenten enden müssen, das Schlusskapitel über Hamburg kommt ihm eher wie eine Pflichtübung vor.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.04.2004

"Eine ungeheuerliche Reise durch die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts" hat unsere Rezensentin Ursula März gelesen. Rada Billers autobiografischer Roman schildert die "stürmische Exil-, Emigrations-, und Umzugsgeschichte" der "vergnügten Lea". Mit ihrem Klavier zieht sie von Baku, Moskau, Stalingrad, Prag und schließlich nach Hamburg. Auf ihrer Reise erlebt sie eine Geschichte, "wie sie nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte. Sie kreuzt Länder, Epochen, Systeme und Diktaturen und entsteht aus dem Schrecken ihrer Willkür." So ist die Reise nicht wirklich ein Vergnügen für Lea. "Aber im Erzählton und in der Erzählperspektive liegt eine irritierend kunsthafte Naivität, die sich vermutlich der fröhlichen Mädchennatur der Erzählerin Lea verdankt", staunt unsere begeisterte Rezensentin, die so ergriffen von dem Prosawerk der Mutter Maxim Billers ist, dass sie ihre Kritik noch als Lob formuliert. Denn sie wünschte, "Rada Biller hätte ihre wahrhaft grandiose Lebensgeschichte mit ihrer eigenen Stimme erzählt und eine Autobiografie verfasst, nicht einen autobiografischen Roman".
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