Rachel Aviv

Sich selbst fremd

Wahre Geschichten von psychischen Ausnahmezuständen
Cover: Sich selbst fremd
Hanser Berlin, Berlin 2025
ISBN 9783446275911
Gebunden, 304 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Claudia Voit. Rachel Aviv stellt radikale Fragen zu unserem Umgang mit psychischen Krankheiten.Als Sechsjährige hört Rachel Aviv plötzlich auf zu essen und wird zu Amerikas jüngster Anorexiepatientin. Doch typisch anorektische Verhaltensmuster erwirbt sie erst in der Klinik: Sie sieht sie sich bei älteren Mitpatientinnen ab. Wie wäre ihr Leben verlaufen, fragt sie sich als Erwachsene, wäre sie länger in der Klinik geblieben und hätte sich nachhaltiger mit ihrer Diagnose identifiziert? Ausgehend von dieser persönlichen Erfahrung erkundet Rachel Aviv in sechs sehr unterschiedlichen Fallgeschichten, wie uns die Art und Weise, mit der wir psychische Probleme einordnen und diagnostizieren, verändert. Mit großer Empathie erzählt Aviv von Menschen in psychischen Ausnahmezuständen und macht dabei die Facetten von Identität sichtbar, die durch das Raster psychiatrischer Konzepte fallen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2025

Der hier rezensierende Neurowissenschaftler Philipp Sterzer kann dieses Buch der amerikanischen Essayistin Rachel Aviv uneingeschränkt empfehlen. Aviv behandelt ein wichtiges Thema, wenn sie den schmalen Grad zwischen Normalität und psychischer Erkrankung auslotet, meint er: Neben ihrer eigenen frühkindlichen Essstörung erzählt sie auf der Grundlage detailreicher Recherche von fünf weiteren Schicksalen, darunter Naomi, die beim erweiteren Suizidversuch eines ihrer Kinder im Mississippi ertrinken ließ oder Laura, die seit dem Teenager-Alter Psychopharmaka nahm und erst nach Absetzen derselben gesundete. Die Autorin, die Innen- und Außensicht  gleichermaßen in den Blick nimmt, spürt nicht nur den Ursachen psychischer Erkrankungen nach, sie nimmt vor allem auch die Probleme in der Diagnostik in den Blick - und zwar ohne eindeutige Antworten zu liefern, lobt Sterzer. Der komplexen Thematik "Psychotherapie und Psychopharmaka" wird Aviv gerecht, versichert er.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.02.2025

Rachel Aviv, heute Reporterin des New Yorker, war 1988 im Alter von sechs Jahren das jüngste mit Anorexia Nervosa diagnostizierte Kind in den USA: Spannungen zwischen den Eltern und die übermächtige Diätkultur sorgen dafür, dass sie nicht mehr essen will und im Detroiter Krankenhaus behandelt werden muss, berichtet Rezensentin Julia Rothsaas. Aviv hat nun neben ihrer eigenen Geschichte die Krankheitsverläufe fünf weitere Menschen aufgeschrieben, um zu zeigen, dass psychische Krankheiten gleichzeitig höchst individuell sind und von den gesellschaftlichen Umständen mitbestimmt, erfahren wir. So entwickelt Naomi, eine schwarze alleinerziehende Mutter, Wahnvorstellungen, die nicht richtig behandelt werden, weil sich wohlhabende weiße Ärzte nicht mit schwarzen Lebensrealitäten auskennen, lernt Rothhaas. Sie beeindruckt nicht nur die Tiefe von Avivs Recherche, sondern auch ihre Fähigkeit, über die Dinge zu schreiben, die, wie die Einnahme von Antidepressiva, gleichzeitig intim und höchst schmerzhaft sind.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 31.01.2025

Rachel Aviv, Journalistin beim "New Yorker" hat ein bewegendes Buch über psychische Ausnahmezustände und damit eine "andere Geschichte der Psychiatrie" unseres Zeitalters geschrieben, konstatiert Rezensentin Susanne Billig. Anhand von Fallgeschichten zeigt sie, wie sehr soziale und kulturelle Einflüsse etwa Avivs eigene Erkrankung an Anorexia Nervosa im Alter von sechs Jahren bedingt haben. Unter anderem begegnet ihr auch die Afroamerikanerin Naomi,die neben ihrer psychiatrischen Diagnose auch mit Armut und Ausgrenzung zu tun hat - für Billig zeichnet sich ein komplexes Bild aus Selbstentfremdungen und Fremdzuschreibungen, die einen schwer zu durchdringenden Dschungel bildet, in dem sich psychisch Erkrankte wiederfinden. Für die Kritikerin ein bedeutendes Buch, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie wichtig es ist, Menschen als vielschichtige Individuen zu begreifen.

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