Philipp Sarasin

Anthrax

Bioterror als Phantasma
Cover: Anthrax
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518123683
Kartoniert, 140 Seiten, 8,00 EUR

Klappentext

Unmittelbar nachdem am 11. September 2001 die beiden Flugzeuge in das World Trade Center geflogen waren, schluckten Präsident Bush und das Personal des Weißen Hauses das Anthrax-Antibiotikum Cipro. Eine Woche nach den Anschlägen tauchten fünf anonyme Briefe mit getrockneten Anthrax-Sporen auf, die fünf Todesopfer forderten. Anthrax und die Anschläge schienen in einem Zusammenhang zu stehen. Den fünf echten Briefen folgten mehrere tausend falsche und der Anschlag erwies sich nicht als "Bioterror". Philipp Sarasin entfaltet in seinem Essay die verwickelte Geschichte dieser Briefe und zeigt, wie aus den wenigen echten Anthrax-Briefen die Metapher "Anthrax" wird, die auf ähnliche Weise gefährlich und infektiös wirkt - bis hin zum Einmarschbefehl in den Irak.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.01.2005

Matthias Zimmer zeigt sich zwar beeindruckt von Philipp Sarasins Scharfsinn, den er auf seine These verwendet, die zentrale Angst der Bürger, mit der der globale Terror spielt, sei die Furcht vor Infektion. Aber zugleich sieht der Rezensent in der Entfaltung dieser These - wonach der Staat als Staatskörper, Ansteckungen zugänglich, anzusehen sei - auch nicht mehr als ein müßiges Spiel. Den konkreten Wert veranschlagt Zimmer gering. Für ihn ist "Anthrax. Bioterror als Phantasma" nicht viel mehr als das intellektuelle Muskelspiel eines weitgehend selbstherrlichen Autors, ein Fiebertraum von einer Lektüre, spannend und ergreifend, solange er währt, aber auch leer und ungreifbar, wenn man, genesen, zurückblickt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004

Anthrax ist nicht gleich "Anthrax" - bei dem einen handelt es sich um eine tödliche Krankheit, bei dem anderen um eine "materialisierte Fiktion", die Millionen vergiftete - Millionen Hirne. Anne Haeming ist voll und ganz überzeugt von Philipp Sarasins Rekonstruktion der Ereignisse zwischen dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg 2003. Wobei die Ereignisse, die hier interessieren, diskursiver Natur sind (mit den bekannten extra-diskursiven Folgen). Es geht nämlich darum, wie George W. Bush nach den Anschlägen "von Manhattan nach Bagdad argumentiert hat", wie also in einer sozusagen "metonymischen Kettenreaktion" aus Terror Bioterror wurde, aus Bioterror Massenvernichtungswaffen, und daraus Angriffe auf den Irak. Sarasins analytisches Paradigma ist die moderne Logik der Bedrohung durch "Fremdkörper", die zuerst wirksam wurde, als die kolonialen und imperialen Reiche medizinische Begrifflichkeiten in politische Metaphern und Common Sense verwandelten, und seitdem in unzähligen literarischen und visuellen Fiktionen weitergesponnen wurde. Die Rezensentin ist von Sarasins "origineller" und erhellender Argumentation sehr angetan und bedauert nur, dass offensichtlich beim deutschen Lektorat geschlampt wurde: "ungelenke Übersetzungen" und jede Menge Rechtschreibfehler.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2004

Wieso, fragt Philipp Sarasin in seinem Buch, wieso bereitete das weiße Haus am Morgen des 11. September Maßnahmen zur Abwehr biologischer Kampfstoffe vor? Wie wurde innerhalb kürzester Zeit aus Terror "Bioterror"? Die Antwort: "Die Fantasie war durch die Fiktion darauf vorbereitet." Fiktionen, so die Rezensentin Elisabeth von Thadden, haben die Reaktion auf die Anschläge gesteuert, und dieselben Fiktionen haben die Gegenmaßnahmen gesteuert und dazu geführt, dass die Hälfte aller Amerikaner bald dachte, Saddam Hussein habe die Anschläge zu verantworten. Fiktionen haben die Deutung des Angriffs in den Bereich der Biologie gelenkt, argumentiert Sarasin, und Thadden befindet: "Ein derart gelungener Nachweis, was die Kulturwissenschaft kann, war seit langem nicht zu lesen." Sarasin gehe es nicht darum, die Realität des Terrors zu bestreiten, sondern darauf hinzuweisen, dass der Art und Weise seiner Bekämpfung ein Phantasma - ein "zentrales Fantasma der Moderne" - zugrunde liegt: die Vorstellung vom Feind als Mikrobe, als unsichtbarer, parasitärer Eindringling, der ausgerottet werden muss. Das Phantasma verbindet unverbundene Handlungsströme - die Angst vor Anthrax, vermeintliche Massenvernichtungswaffen, Flüchtlinge - und zu einer Politik der "Seuchenkontrolle". Und genau hier, so Thadden, liege die kritische Substanz von Sarasins Arbeit: In der Warnung vor einer "Biologisierung der Politik". "Dieses Buch", schreibt sie, "macht deutlich, wie Gesellschaften, die vom fiktiven Albtraum der biologischen Bedrohung regiert werden, dem kollektiven Imaginären erliegen".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2004

Wurden die Flugzeuge des 11. September nicht abgefangen, weil man befürchtete, die Terroristen hätten biologische Kampfstoffe an Bord? "Nicht jede Verschwörungstheorie ist Stuss", schreibt Uwe Justus Wenzel, der allerdings auch nicht davon überzeugt ist, dass sie uns weiter helfen und deshalb nicht umhin kann, Philipp Sarasins Hang zum Spekulativen zu hinterfragen, zumal er ihn quasi als Symptom einer ganzen wissenschaftlichen Herangehensweise begreift, nämlich der Diskursanalyse. Dabei findet er das Buch alles andere als schlecht, Sarasins Fragen überaus interessant und seine Thesen bedenkenswert. Der Historiker untersucht, wie die Vokabel "Anthrax" in den Monaten nach den Anschlägen des 11. September zu einer Metapher wurde, die ein neues bioterroristisches Bedrohungsszenario schuf und zugleich beglaubigte. Oder ist es gar nicht neu? Das Bild des Angreifers als Mikrobe, als Eindringling in den Körper, reiche nämlich ins 19. Jahrhundert zurück, wurde medial immer präsenter und musste eigentlich nur aufgerufen werden: "Das leere Wort mit aggressivem Klang verknüpfte als 'mediales Virus' die Anschläge auf New York und das Pentagon mit einem psychohistorisch verwurzelten, durch Hollywoodfilme und Videospiele nachhaltig eingeprägten, letztlich rassistischen Schreckbild: mit der Invasion von tödlichen Fremdkörpern in den eigenen Organismus." Kamen die Anthrax-Anschläge der Bush-Administration also gerade recht, um die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme mit der angeblichen Bedrohung durch Saddam Hussein zu verknüpfen - nicht argumentativ, sondern "suggestiv, paranoid"? Wenzel fügt dem jedoch eine weitere, ebenso ketzerische Frage hinzu: Wenn die Wissenschaft ihr Geschäft auf der Prämisse einer "Verflechtung von Fiktion und Realität" errichtet, steht sie dann eigentlich noch im Dienste der Aufklärung?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.04.2004

Ausgesprochen aufschlussreich findet Andreas Bernhard dieses Buch, in dem der Zürcher Kulturwissenschaftler untersucht, wie die Anschläge vom 11. Septembers mit der Angst vor einem möglichen Bioterror verknüpft wurden. Obwohl der Terroranschlag der Al-Qaida in keinem Zusammenhang mit den kurz darauf verschickten Anthrax-Sendungen stand, wandelte die US-Regierung die Bedrohung durch Flugzeuge in eine Bedrohung durch Mikroben, und zwar, wie der Rezensent die These des Autors darlegt, aus politischem Kalkül. Verbrechen, Krankheit und Fremdheit wurden vermengt, was sich schließlich auch in den verschärften Einreisebestimmungen niederschlug: "Unser Gesundheitssystem wird gestärkt werden, um nicht nur mit Bioterror umzugehen, sondern mit allen Infektionskrankheiten", zitiert der Rezensent, der mit dem Autor das "Phantasma" des Bioterrors zum "Legitimationsmittel einer außen- wie innenpolitischen Offensive" gemacht sieht. Die Stärke des Buch sieht der Rezensent mithin in der Analyse des Diskurses, die der politischen berichterstattung verwehrt bleibe: "Nicht nur Wissen zu präsentieren, sondern auch die Weisen seines Zusatndeskommens". Nur in einem Punkt möchte Bernhard dem Autor nicht folgen: in dem Verdacht, die US-Regierung hätte die Anthrax-Briefe selbst verschickt.
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