Beckers Geschichte der Kriminologie eröffnet neue Einblicke in die Wechselwirkung von kriminologischer Theorie und juristisch-polizeilicher Praxis im 19. Jahrhundert. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein galten Gauner als moralisch gefallene Menschen; ihre kriminelle Identität erklärte man aus einer falschen Gesinnung. Erst in den letzten Jahrzehnten setzte sich eine Sichtweise durch, die Herkunft, Milieu, psychische und physische Auffälligkeiten in den Blick nahm. Beckers Studie beschreibt die Geschichte der Erforschung und Bekämpfung von Kriminalität in diesem Zeitraum, indem sie die Vielfalt und Komplexität der Reflexion über abweichendes Verhalten nachzeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2002
Peter Beckers Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts hat Rezensent Martin Stingelin im Großen und Ganzen überzeugt. Wie er darlegt, stellt Becker die Geschichte der Kriminologie im 19. Jahrhundert als Übergang des Erzählmuster vom "gefallenen Menschen" zum Erzählmuster des "verhinderten Menschen" dar: während für die Kriminalisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Deliquent durch selbst verantwortete Entscheidungen zum Verbrecher werde, sähen die Kriminologen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts körperliche und seelische Entartungen am Werk, die ihn auf die schiefe Bahn führen. In beiden Fällen suchten die "guten Bürger" ihre Selbstvergewisserung durch die Abgrenzung von den "Bösen" zu gewinnen, hält Stingelin fest. Zu seinem Bedauern ist Beckers Geschichte der Kriminologie gänzlich aus der Perspektive jener Manuale für Untersuchungsrichter und anderen Beamten verfasst, "die zur Verwaltung der Deliquenz bestellt worden sind". Selbstzeugnisse von Deliquenten dagegen fehlten: "So beschränkt sich Beckers Untersuchung auf den zweidimensionalen Raum, der vom Wissen und der Macht über den Verbrecher gebildet wird", schließt der Rezensent, "Widerstand ist darin nicht vorgesehen."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.12.2002
Obzwar gelehrt und mit viel Detailkenntnis geschrieben, lässt Peter Beckers "Geschichte der Kriminologie des 19. Jahrhunderts" den Leser nach Ansicht des Rezensenten Philipp Sarasin "ein wenig ratlos" und "streckenweise verärgert" zurück. Denn Becker kündige zwar eine "Geschichte der Kriminologie" als "Diskurs und Praxis" an, bleibe aber dabei stehen, die Sichtweisen und Argumente jener die über Verbrechen schreiben, zu sortieren und thematisch zu ordnen. Dabei werde nie klar, wie dieser Diskurs funktioniere, kritisiert Sarasin. Zwar berufe sich Becker auf Foucaults Diskursanalyse ebenso wie auf Habermas, Luhmann und indirekt sogar auf Lacan, seine Arbeit folge dann aber eher den Argumentations- und Darstellungsmethoden der Historischen Anthropologie. "Mit diesem freundlichen Nicken in alle Richtungen", so Sarasin enttäuscht, "lässt sich gerade noch sagen, dass die Bürger im Verbrecher ihr ?Anderes' konstruieren." Das ist aber nicht der einzige Mangel dieser Habilitationsschrift: Sarasin moniert zudem, dass Becker mit zeitlichen Einordnungen und Begründungen "reichlich vage" umgeht. Auch dass man nichts über die Methoden und Techniken der kriminalistischen Wahrheitsfindung erfährt, missfällt dem Rezensenten. Last but not least zeigt er sich über das Fehlen des französischen Gerichtsmediziners Ambroise Tardieu, sowie des einflussreichen Schweizer Psychiaters August Forel sehr verwundert.
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