Peter Wawerzinek

Rabenliebe

Eine Erschütterung. Roman
Cover: Rabenliebe
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2010
ISBN 9783869710204
Gebunden, 368 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Über fünfzig Jahre quälte sich Peter Wawerzinek mit der Frage, warum seine Mutter ihn als Waise in der DDR zurückgelassen hatte. Dann fand und besuchte er sie. Das Ergebnis ist ein literarischer Sprengsatz, wie ihn die deutsche Literatur noch nicht zu bieten hatte. Ihre Abwesenheit war das schwarze Loch, der alles verschlingende Negativpol in Peter Wawerzineks Leben. Wie hatte seine Mutter es ihm antun können, ihn als Kleinkind in der DDR zurückzulassen, als sie in den Westen floh? Der Junge, herumgereicht in verschiedenen Kinderheimen, blieb stumm bis weit ins vierte Jahr, mied Menschen, lauschte lieber den Vögeln, ahmte ihren Gesang nach, auf dem Rücken liegend, tschilpend und tschirpend. Die Köchin des Heims wollte ihn adoptieren, ihr Mann wollte das nicht. Eine Handwerkerfamilie nahm ihn auf, gab ihn aber wieder ans Heim zurück. Wo war Heimat? Wo seine Wurzeln? Wo gehörte er hin? Dass er auch eine Schwester hat, erfuhr er mit vierzehn. Im Heim hatte ihm niemand davon erzählt, auch später die ungeliebte Adoptionsmutter nicht. Als Grenzsoldat unternahm er einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, kehrte aber, schon jenseits des Grenzzauns, auf halbem Weg wieder um. Wollte er sie, die ihn ausgestoßen und sich nie gemeldet hatte, wirklich wiedersehen? Zeitlebens kämpfte Peter Wawerzinek mit seiner Mutterlosigkeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2010

Samuel Moser stellt Peter Wawerzineks autobiografischen Roman "Rabenliebe" vor, der ihn spürbar erschüttert und beeindruckt hat. Der Autor hat dafür den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 bekommen, teilt der Rezensent mit, der darin nicht nur eine sehr persönliche und berührende Suche nach der Mutter, sondern auch ein Werk von großem literarischen Gewicht würdigt. In diesem an intertextuellen Bezügen und Metaphern reichen Buch sieht Moser nicht zuletzt ein beeindruckendes "Echo der Sprachlosigkeit eines Kindes", das sich, wie man hier lesen kann, als "enteignetes" Ding" erlebt. Die Mutter des Zweijährigen hatte sich aus der DDR in den Westen abgesetzt und der Junge war zunächst in ein Kinderheim gekommen, dann mit zehn Jahren adoptiert worden, erklärt Moser. Schwer erträglich ist ihm die Schutzlosigkeit und Einsamkeit des sich erinnernden Kindes, und auch als er mit fast 50 Jahren 2004 der Mutter tatsächlich gegenübersteht, lichtet sich die Schwärze der Erzählung nicht, muss er bestürzt feststellen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Als therapeutisch wertvoll, aber literarisch immerhin teilweise fragwürdig erscheint Peter Wawerzineks Buch der Rezensentin Sandra Kegel. Den Leidensweg des Ich-Erzählers durch ostdeutsche Kinderheime und gescheiterte Adoptionsversuche geht Kegel mitunter nur widerwillig mit dem Autor. Seine Wut und Trauer in Ehren, geht ihr das Assoziative und Sprunghafte dieser Prosa auch mal auf die Nerven, findet sie die Bildlichkeit anstrengend (Rabenmotiv!). Dass der Autor anders als z. B. Thomas Bernhard seinen Monolog nicht strafft, hingegen inhaltlich nichts von der Tristesse seiner Kindheit verschweigt, gehört ebenso zu dieser Strapazierung des Lesers, vor der uns die Rezensentin warnt. Kommt hinzu, dass Wawerzinek Welthaltigkeit kaum und wenn doch, dann nur plakativ in Form von Pressemeldungen und Zitaten anzubieten hat. All das aber schmälert nicht den Respekt der Rezensentin vor der Unerbittlichkeit dieses Schreibens auf der Suche nach Wahrheit und Befreiung.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.09.2010

Beinahe physisch spürbar werden die widerstreitenden Reaktionen, die die Lektüre dieses Romans bei Rezensent Dirk Knipphals ausgelöst hat. Es kann ja sein, meint er, dass auch ein 56Jähriger noch, wie es der Autor hier tut, sich die Qualen des mit zwei Jahren von der leiblichen Mutter zur Adoption freigegebenen Kindes von der Seele schreiben muss. Und Wawerzinek tue dies, keine Frage, immer wieder mit mitreißender bis "umwerfender" sprachlicher Brillanz. Aber doch, und da liegt dann das hauptsächliche "Unbehagen" des Rezensenten, ohne jede Distanz. Nicht zuletzt: mit voll hochgefahrenem "pathetischen Kunstanspruch". Heraus komme dann eine zutiefst ernst gemeinte, den Literaturcharakter von Literatur wie absichtlich niederschreibende Prosa, deren Wucht eine Kehrseite hat: eine gewisse "Peinlichkeit" nämlich. Und damit will Knipphals spürbar lieber nicht behelligt werden. So geht das, da ist er sicher, auf dem heutigen Stand der literarischen Dinge einfach nicht mehr. Er schließt darum mit einem guten Rat an Wawerzinek: "weniger Kunstwille", dafür mehr "Unabhängigkeit des Geistes".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.09.2010

Einen etwas zwiespältigen Eindruck hat Peter Wawerzineks Roman "Rabenliebe" bei Rezensent Lothar Müller hinterlassen. Das autobiografisch gefärbte Werk, eine Abrechnung mit der Mutter, die in den Westen flüchtete und den Sohn in DDR zurück lies, hat für ihn etwas Tieftrauriges, lässt sich aber auch als "Geschichte einer Reifung und zugleich Desillusionierung" lesen. Insofern spricht Müller auch vom "dunklen Bildungsroman eines Selbsthelfers". Was ihm weniger gefällt, sind die stilistischen Anleihen des Autors bei Traditionen des deutschen Expressionismus. Zudem kommt Müller nicht umhin, Wawerzinek eine gewisse Redseligkeit vorzuhalten, die dem Roman nicht gut tut. Er moniert in diesem Zusammenhang Redeflüsse, die das "Rabenschwarze" des Werks in "schwarzen Kitsch" übergehen ließen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.08.2010

Rezensent Jürgen Verdofsky zeigt sich tief beeindruckt von Peter Wawerzineks autobiografischem Roman über eine mutterlose Jugend. Fast atemlos lässt ihn die Erzählung. Und obwohl Wawerzinek wirklich Schlimmstes erspart blieb, steckt die Geschichte des Mutterverlusts - sie flüchtete aus der DDR und ließ den kleinen Sohn zurück - und auch ihr Nachhall auf das Erwachsenenlebens des Autors voller Abgründe. Es ist eine Menge "Bitternis, Einsamkeit und Entgeisterung" darin enthalten. Nach Meinung des Rezensenten erweist sich der Autor nach vielen Umwegen in seiner Entwicklung "als großer Erzähler". Der Roman besitzt eine Intensität, wie sie nach Verdofskys Einschätzung nur ein "Lebensstoff" in sich birgt: bei der Geschichte handelt es sich in seinen Augen "um eine Entladung".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.08.2010

Als literarisches Ereignis und Provokation zugleich empfindet Ulrich Greiner Peter Wawerzineks Bachmann-Preis gekrönten Roman, vor dessen leidenschaftlichem, sprachfähigem Temperament er den Hut zieht. Bewundernd schreibt der Kritiker von den verschiedenen Sprachhaltungen des Buchs, seinen literarischen Bezügen, dem träumerischen Singsang der Erinnerungsströme, in die er eintauchte, immer wieder aufgeschreckt durch eingesprenkelte harsche Meldungen von Kindstötungen und Misshandlungen. Auch der Reichtum der Motive und historischen Bezüge beeindruckt den Kritiker schwer. Provokation ist das Buch für ihn, da es ein einziger Schrei nach der Mutter sei, deren unersetzliche, archaische, symbiotische Rolle als Gebärerin hier sozusagen in einem Augenblick aus der Tiefe einer Seele in die Welt geschleudert werde, da die Gesellschaft darangehe, die Rolle des Vaters auf eine gleichberechtigte Stufe zu heben, und die der Mutter zu relativieren.