Noch nie, heißt es, ging es uns so gut - doch noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Die neoliberale Ideologie durchdringt unser Leben inzwischen bis in den letzten Winkel: Sie prägt unsere Selbstwahrnehmung, unsere Beziehung zu unserem Körper, unseren Partnern und Kindern - in anderen Worten, unsere Identität. Offenbar hat die neue Freiheit und Selbstverantwortung eine dunkle Kehrseite. Ihre implizite Botschaft lautet: Jeder kann perfekt sein, jeder kann alles haben. Wer versagt, hat sich nicht genug angestrengt; wer scheitert, ist allein schuld. Keineswegs zufällig werden sie uns im Gewande objektiver, wissenschaftlich geprüfter Erfordernisse präsentiert, gegen die aufzubegehren zwecklos ist. In einer furiosen Anklage zeigt der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe, welche Auswirkungen das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die jeden Lebensbereich unter das Diktat der Ökonomie stellt, auf die Psyche der Menschen hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2014
Nichts Neues aus der immer größer werdenden Ecke der Ökonomiediktatkritik? Markus Huber empfiehlt Paul Verhaeghes bestsellende Streitschrift über die Kehrseiten unserer neoliberalen Kultur trotz gelegentlicher Überschneidungen mit Richard Sennet oder Foucault. Man kann es offenbar nicht oft genug sagen: Das Gespenst der Freiheit gebiert seine Monster bzw. das Unbehagen an der Kultur. Der Autor erklärt dem Rezensenten allerdings nicht nur, wie der Einzelne unter dem Erfolgsdruck leidet, sondern zeigt auch, dass die Bürokratie wuchert und das gesellschaftliche Gesamtgefüge erodiert, wenn jeder sich nur über die Wachstumsquote definiert.
Paul Verhaeghes Grundthese - der Neoliberalismus prägt ein eigenes Set für ihn typischer psychischer Erkrankungen aus - kann Christiane Müller-Lobeck zunächst nur beipflichten, insbesondere auch, da der Autor, wie sie schreibt, eine fundierte, von Diagnosemoden bereinigte Typologie von unter gegenwärtig herrschenden Bedingungen besonders begünstigten Krankheitsbildern liefert. Dabei identifiziert Verhaeghe, wie die Rezensentin weiter ausführt, vor allem Störungen im Identitätsbildungsprozess als signifikant, die unter der Tendenz zur neoliberalen Vereinzelung samt individuiertem Leistungsdiktat besonders grassieren. Wobei der Psychologe keineswegs ins apokalyptische Horn bläst: Jede Gesellschaftsform weise ihr eigenes Neurosenprofil auf. Da kann die Rezensentin dann allerdings doch nicht völlig mitgehen: Dass in den vergangenen 30 Jahren das Gemeinschaftsgefühl zerrieben worden sein soll, hält sie für eine "etwas unterkomplexe Schlussfolgerung"; auch kann sie sich Verhaeghes Ratschlag zur individuiert gedachten, ethischen Sorge um sich nicht unumwunden anschließen.
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