Aus dem Russischen von Anja Dagmar Schloßberger. Ra, Tonatiuh, Surya, Sol invictus sind nur einige der Namen jener vielgestaltigen Gottheit, der die Menschen in früheren Zeiten in Ritualen und Gebeten huldigten und die mit dem Aufkommen monotheistischer Religionen schließlich auf die Rolle des sichtbaren Ausdrucks göttlicher Kraft reduziert wurde. Die Sonne selbst büßte indes nichts an Strahlkraft ein: Als Quell allen Lebens, dem immer auch ein destruktives Element zu eigen ist, befeuert sie spätestens seit Platon nicht nur unsere Vorstellung einer besseren Zukunft, sondern steht, wie die russische Philosophin Oxana Timofeeva unter Rückgriff auf Georges Bataille eindrücklich zeigt, für ein dringend benötigtes Gegenmodell zur auf unendliches Wachstum und Akkumulation zielenden, zerstörerischen Kapitalwirtschaft. Denn die Sonne ist reiner Überschuss. Sie verausgabt sich ohne Forderung nach Gegenleistung, ohne je an Grenzen zu stoßen. Eine politische Ökonomie also, die auf dem Prinzip der Sonne gründete, wäre eine des Altruismus und der Solidarität, eine, die sich verschenkt, sich ohne Berechnung verliert - und daher eine im Einklang mit der Natur stehende Möglichkeit jenseits aller bestehenden politischen Kategorien.
Rezensent Leander Scholz ist äußerst angetan von Oxana Timofeevas theoretischem Ansatz einer neuen Solarpolitik und darum umso enttäuschter, dass die Überlegungen der russischen Philosophin in vielen wichtigen Punkten allzu vage bleiben. Timofeeva holt weit aus, um ihren Aufruf zu einer neuen Form der Sonnenverehrung zu begründen - zu begründen, weshalb die Sonne von zentraler Bedeutung ist für eine alternative Ökologie und Ökonomie, die über schnöde Wachstumskritik und Verzichtsaufrufe hinausgeht. In nahezu allen Kulturen der Erde, lernen wir, hatte die Sonne einen speziellen Platz in der "symbolischen Ordnung". Erst der technologische Fortschritt hat sie von dort verdrängt. Nun gilt es, ihr wieder den Platz einzuräumen, der ihr gebührt, erklärt Timofeeva ihren Leserinnen und Lesern. Und sie tut dies mit viel Begeisterung und Schwung, nur leider mit allzu wenig Konkretion. Damit bleibt ihr Ansatz eben dies, oder weniger: ein Verweis auf einen vielversprechenden Weg, den zu begehen sie jedoch anderen überlässt, schließt der Kritiker.
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