Ein Vogt, der seinem Herrn die Stirn bietet, eine junge Frau, die sich weigert, eine schon geschlossene Ehe zu vollziehen, ein zündelnder "Kurpfuscher" - das sind nur drei der Geschichten aus der Zeit zwischen 1600 und 1800, mit denen Otto Ulbricht in die unterschiedlichen Welten unbekannter Menschen einführt. Sie stehen als Beispiele für wichtige Themen der Frühneuzeitforschung wie Sozialdisziplinierung oder Medikalisierung. Gleichzeitig führt der Autor in die Entwicklung der Mikrohistorie als geschichtswissenschaftlicher Betrachtungsweise ein, referiert deren neuesten Stand und macht deutlich, welche Felder historischer Forschung die Mikrogeschichte in Zukunft erschließen kann.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.11.2009
Rudolf Neumaier hat Otto Ulbrichts "Mikrogeschichte" als "Manifest" einer historischen Spezialdisziplin gelesen, die noch um allgemeine Anerkennung kämpft, und er findet, dass es dem Autor glänzend gelungen ist, Reiz und Wert dieser Forschungsrichtung zu demonstrieren. Der Autor wende sich - durchaus provokant - gegen die historische Sozialwissenschaft, wie sie von Hans-Ulrich Wehler oder Jürgen Kocka vertreten wird, indem er statt auf "Generalisierungen" auf individuelle Geschichten abzielt, erklärt der Rezensent gefesselt. In Fallbeispielen schildert er das Leben eines Bettlers, einer jungen Frau, eines Goldschmiedegesellen oder eines Gutsvogts, das er akribischem Quellenstudium und mikroskopisch genauer Auslegung abgewinnt, wie Neumaier mitteilt. Ihn nimmt die Leidenschaft, mit der sich der Autor für seine Fachrichtung einsetzt, sehr ein, und er findet, dass die Mikrogeschichte gerade in Auseinandersetzung mit anderen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft zu interessanten Ergebnissen kommt und ein "neues Licht auf die Geschichte" wirft, wie der faszinierte Rezensent versichert.
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