Oskar Pastior

Villanella und Pantum

Gedichte
Cover: Villanella und Pantum
Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446199279
Broschiert, 111 Seiten, 14,32 EUR

Klappentext

Unerschöpflich ist die sprachliche Phantasie von Oskar Pastior, und unerschöpflich ist die Vielfalt der lyrischen Formen, aus denen er diese Phantasie speist. Ist die Villanella wirklich ein neapolitanisches Bauernliedchen, das im 16. Jahrhundert gesungen wurde, und das Pantum eine malaiische Gedichtform? Wer möchte sicher sein, dass daraus bei Oskar Pastior nicht etwas ganz Neues wird ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2001

Pantum? Villanella? Thomas Poiss hilft uns bei den Gedichtformen auf die Sprünge, so gut er kann. Schließlich sollen auch wir an Pastiors "produktiven Forschungen zur Sprachmaterialität" teilhaben können. Um Wiederholung geht's da und um die Nichtidentität des Wiederholten. Ein alter Hut eigentlich, bei Pastior allerdings, wie Poiss erklärt, bestimmend für Produktion und Rezeption des Gedichts. Was die Gefahr berge, "dass die Form bloß virtuose Muster generiert, die nicht mehr in sprachliche Erkenntnis umspringen". Das ist dann nicht immer "gleichermaßen genießbar" - klar. Lesen wir allerdings laut, meint Poiss, "wird Pastiors Dichtung durchsichtig" und wir erfahren, "wie bissfest Buchstaben sein können."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2000

Ernest Wichner hat Freude an Oskar Pastiors neuem Lyrikband "Villanella & Pantum", das ist zu spüren. Villanella ist eine Art des Hirtenlieds aus dem 16.Jahrhundert, dessen Struktur Pastior als Schablone für seine Dichtung benutzt, genau wie er sich an dem Pantum abarbeitet, einer traditionellen Gedichtform, die von Malaysia nach Frankreich gekommen ist. Das Ergebnis dieser Sprachstile gefällt dem Rezensenten: Man lese wieder einmal verblüfft, "wie viel versprachlichte Lebenssubstanz Oskar Pastior in seine artifiziellen Repetitionsmaschinen eingebaut hat". Auch Pastiors Recycling von Texten und Formen empfindet als erfrischend. Dort hören Pastiors sprachliche Experimente aber nicht auf. Er und der amerikanische Dichter Harry Matthews pflegen eine "poetische Korrespondenz", in der sie nur Wörter verwenden, die in beiden Sprache existieren, aber jeweils etwas anderes bedeuten. Das findet Wichner etwas beliebig, er nennt dieses Projekt (dokumentiert in den Texten "suchtaste" oder "happentaster") "eine Spur arbiträrer". Alles in allem ist sein Fazit von Pastiors Arbeit aber positiv. Ihm gefällt das Spannungsfeld zwischen Spieltrieb und extremer sprachlicher Disziplinierung und stört sich nicht an dem bisweilen von Lesern "als unliterarisch empfundenen Element der Textgenese".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2000

Vorsicht, dies ist was für Germanisten, die hart im Nehmen sind, scheint Sybylle Cramer zu sagen, auch wenn sie`s wohl eigentlich nicht so gesagt haben will. Zunächst gibt`s eine lange Geschichte über die Herkunftsgeschichte von Villanella (das Andersen-Märchen "Schlammkönigs Tochter"), und unmerklich führt sie den Leser der Besprechung in die poetische Gegenwart dieser Gedichte. Das Unstrukturierteste, eine Art Urschlamm und Urgeschichte, führen Pastiors Gedichte mit dem Subtilsten zusammen, den zivilisatorisch spätesten Formen von Gefühl und Wissenschaft. Sprachform und Wortbedeutung in den "rückverweisenden Doppelsprung" gespannt, so Cramer, kreiert Pastior Neues, indem er an Altes erinnert. Er dringt in die "Elementarbereiche der Sprache" ein, malt mit dem Ton, spielt an auf Goethe und Eichendorff, ermüdet schließlich (die Rezensentin?) im Feld von "Logik, Grammatik, Mathematik". Dem Goethe-Verweis "mein diwan" will sie nicht recht folgen, aber das Tonmalen, von dem sie ein paar Beispiele gibt - "das Ächzen der Kellertür (`türelek`)" -, hat ihr jedenfalls gut gefallen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.09.2000

Bloß nicht das Nachwort zuerst lesen, meint Benedikt Erenz. Da geht?s so kompliziert und knöchern zu, wie es in den Gedichten selbst licht und frei wird, "mittendrin in vertrauten Pastiorschen Versvergnügen"; da werden "Platens Schmachten", "Hofmannsthals Seufzer" und "Rilkes metaphysisches Schmatzen" als wunderliche "Tönung" wahrnehmbar; man verliert und verliebt sich in "flüchtige Momente, Luftspiegeleien". Nach Jandls Tod, so Erenz, ist Pastior "der letzte große Verszauberer deutscher Sprache".
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