Während in Europa der Holocaust als "Zivilisationsbruch" zunehmend zum Bezugspunkt von Geschichtserfahrung wurde, nahm die arabische Welt das Ereignis nur eingeschränkt wahr. Diese erschwerte Wahrnehmung fand entweder vor dem Hintergrund der Palästinafrage oder im Zusammenhang mit dem Verhältnis arabischer Nationalisten zum Nationalsozialismus Aufmerksamkeit. Im Unterschied dazu nimmt dieses Buch eine diskursgeschichtliche Perspektive insofern ein, als entlang zeitgenössischer Texte von Arnold Toynbee, Jean-Paul Sartre und Maxime Rodinson die arabische Rezeption in den 1960er Jahren in den Blick genommen wird. Omar Kamil bietet dabei eine neue Sicht auf die Dramatik des Gegenstands: Durch die Erfahrungen des Kolonialismus wird eine angemessene Wahrnehmung des Holocaust in der arabischen Welt verstellt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.02.2013
Der Erinnerung an den Holocaust in der arabischen Welt eine recht neutrale Studie gewidmet zu haben, das ist für Joseph Croitoru das nicht unerhebliche Verdienst des Autors Omar Kamil. Sein Buch versteht sich auch mehr als Diskursgeschichte. Dass Kamil sich zudem auf die Jahre 1945-1967 beschränkt, hält der Rezensent für einen weiteren Pluspunkt, schafft es doch Tiefenschärfe. Gut für die Analyse scheint Croitoru ferner der komparative ideengeschichtliche Ansatz, der für ihn die Eigenheiten des arabischen Diskurses über den Holocaust zu betonen imstande ist. Zwar zeigt insbesondere Kamils Darstellung von Sartres Engagement im israelisch-arabischen Konflikt laut Croitoru vermeidbare Längen, insgesamt jedoch scheint ihm der Band eine lohnende Lektüre zu sein.
Für einen Meilenstein in der Forschung zur arabischen Holocaust-Rezeption hält Rezensentin Sonja Vogel diese Studie des Historikers Omar Kamil. Sehr richtig erscheint Vogel Kamils Kritik, dass sich bei dem Thema die Debatte auf den notorischen Großmufti von Jerusalem beschränkt. Dagegen beschreibt der Autor, wie im arabischen Raum der Holocaust wahrgenommen wurde: Anhand der Rezeption der drei Autoren Arnold Toynbee, Jean-Paul Sartre und Maxime Rodinson kann er nachzeichnen, dass die Ermordung der europäischen Juden allein im Spiegel des Antikolonialismus wahrgenommen wurde. Vogel erscheint das sehr erhellend, macht aber auch einen blinden Fleck in Kamils Schrift aus: nämlich die Judenfeindschaft in arabischen Ländern, die nicht vom Antikolonialsimus befeuert wurde, sondern vom reinen Antisemitismus wie das Farhud-Pogrom in Bagdad im Jahr 1941.
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