Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz. Marie lebt mit ihrem Mann, einem Schulbusfahrer, und ihren beiden Kindern in einer nordfranzösischen Vorstadt. Früher war sie Kassiererin im Supermarkt, jetzt ist sie Hausfrau und lebt selbstverloren vor sich hin, zunehmend zermürbt durch ihr eintöniges Leben. Eines Tages wird sie durch Zufall auf ein Flüchtlingslager aufmerksam, sie schließt sich den freiwilligen Helfern an und teilt an Asylbewerber Essen aus. Mehr und mehr vernachlässigt sie ihre Familie, sie wird zu einer Aktivistin der Gestrandeten und gerät mit der brutalen Polizei in Konflikt. Denen, die gar nichts haben, gibt Marie alles. Und droht schließlich, ihre Kinder, ihren Mann und sich selbst zu verlieren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2009
Das Buch spürt Rezensent Georg Renöckl mitunter wie einen Schlag in die Magengrube. Schon deshalb erscheint ihm Olivier Adam als Meister der Einfühlung, der sämtliche Winkel der Seelen seiner Figuren auszuleuchten vermag. Sein Programm der literarischen Darstellung von Arbeitslosigkeit und Depression in den französischen Vorstadt-Ghettos schreibt der Autor mit diesem Roman laut Renöckl weiter fort. Schauplatz ist die Banlieue von Calais, die Perspektive die einer arbeitslosen Mutter, die sich der Tragödie der in Calais gestrandeten Immigranten mit verhängnisvoller Selbstaufgabe widmet. Der Rezensent erkennt das "hohe Risiko", das der Autor mit dieser thematischen Konstellation eingeht. Die Klippen des Pathetischen und des Melodramatischen umschifft Adam jedoch mit der "quälenden Genauigkeit" und der "Glaubwürdigkeit des engagierten Autors" und indem er, wie es in der Besprechung heißt, distanzlos protokolliert und auf Ironie und erzählerisches Raffinement verzichtet. Und wenn die Gedanken und Worte der Protagonistin doch manchmal die Wut des Autor erkennen lassen, so ändert das nichts an Renöckls Begeisterung für die Wucht dieses Romans.
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