Ein Schriftsteller und eine Ärztin. Mann und Frau. Fünf Tage, fünf Kapitel, Montag bis Freitag. Es ist wie eine Versuchsanordnung. Er spricht, und sie ist zum Zuhören gezwungen, eine Zeugin, die erst als Erzählerin seiner Monologe zu Wort kommt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.05.2000
Sabine Peters wird nicht recht glücklich mit Norbert Gstreins neuer Erzählung. Das Portrait des Autors als gegen den Literaturbetrieb rasender Widerling ist eine Art outtake aus Gstreins letztem großen Roman "Die englischen Jahre", und die Rezensentin fragt sich, ob Gstrein es nicht besser doch in diesem Zusammenhang veröffentlicht hätte. Die in sich durchaus stimmigen Tiraden des Helden erfahren in der separaten Veröffentlichung keine Relativierung, zudem, so Peters, gemahnt das Ganze allzu sehr an Thomas Bernhards Suaden. Problematisch erscheint ihr auch die keinerlei Eigengewicht gewinnende Ich-Erzählerin, die Frau des Autors, die nur die Aufgabe hat, dessen Text "wie ein Diktiergerät zu speichern".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.05.2000
Paul Jandl lobt den Roman als "gelungene Hommage" an Thomas Bernhard, der wie Gstrein an Österreich und am Kulturbetrieb litt und literarisch Rache übte. Bei Gstrein meint Kulturbetrieb gleich Literaturbetrieb, über den ein bei einer Dichterlesung nicht zu Ehren gekommener Dichter einen endlosen hämischen Monolog ausgießt. Zugleich unterlaufe Gstrein, so Jandl, dieses nicht uneitle Selbstgespräch mit den Mitteln der Fiktion, das von der Verzweifelung und nicht von der Häme vorangetrieben wird. "Selbstportrait mit einer Toten" erweise sich somit als - eigenständig zu betrachtender - Teil und Fortsetzung seines vorherigen Romans "Die englischen Jahre".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.03.2000
Manuela Reichart ist von diesem "Porträt eines gewöhnlichen paranoiden Schriftstellers" begeistert. Das Buch basiere auf dem letzten Roman von Gstreiners, "Die englischen Jahre", erzählt sie. Dort heißt es zum Schluß: "Es wäre interessant, einmal zu erzählen, was die Frau eines Schriftstellers mitmacht". Wir haben also wieder dasselbe Paar wie in den "Englischen Jahren": hier der egomanische Schriftsteller, dort seine Frau, die seine endlosen Tiraden nicht länger ertragen kann. "Wer hat den schlimmsten Part" fragt Manuela Reichart recht munter. Der Dichter, der an allem zweifelt oder die Frau, die sich diesen Sermon Tag für Tag anhören muß? Gstreiner entwerfe "ein Höllenbild" so realistisch wie grauenvoll. Doch dem Sog seiner Formulierungskunst kann sich die Kritikerin nicht entziehen.
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