Brigitta Eisenreich

Celans Kreidestern

Ein Bericht
Cover: Celans Kreidestern
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421475
Gebunden, 266 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

Unter Mitwirkung von Bertrand Badiou. Als Paul Celan Brigitta Eisenreich kennenlernt, hat sie ihre österreichische Heimat und ihre katholische Umgebung verlassen und lebt als Au-pair-Mädchen und Studentin in Paris. Sie ist 25, Celan 33 Jahre alt. Die zehnjährige Beziehung beginnt kurz nachdem Celan Ende 1952 Gisele de Lestrange geheiratet hat. Bei der Geliebten findet Celan, der im Alltag Französisch spricht, die Sprache seiner Mutter wieder. Sprach- und Liebesakt werden eins in vieler Hinsicht ist Brigitta Celans deutsche Frau in Paris. Diese Liebesbeziehung ist eine der längsten und verborgensten Celans: fast keine Briefe, in den Büchern Widmungssternchen, ein Kreidestern auf der Schiefertafel an der Tür, wenn Celan Brigitta nicht antrifft. Man liest zusammen oder findet sich zu einem festlichen Mahl. Celan schenkt Brigitta Bücher, ein Buch etwa über Erotik in der jüdischen Mystik, er möchte sie zu einer Herzens-Jüdin machen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.05.2010

Sehr erhellend für Aspekte des Werks von Paul Celan findet Renate Wiggershaus dieses Erinnerungsbuch einer bislang verborgenen Geliebten des Dichters, das auch darüber hinaus eine lohnende Lektüre zu sein scheint. Denn wie man der Schilderung der Kritikerin enttnehmen kann, scheint hier sehr authentisch noch einmal die Nachriegsatmosphäre auf, in der Celans Lyrik entstanden ist. Auch enthält das Buch den Informationen der Kritikerin zufolge viele bisher unveröffentlichte Dokumente, Faksimiles, Fotos, Briefe von und an Celan, sowie Gedichte von Eisenreich, die Wiggershaus als "heimliche Begleitmusik" zu seiner Lyrik beschreibt, Traumprotokolle, die Brigitta Eisenreich für Celan notierte, und schließlich sie betreffende Auszüge aus dem Tagebuch von Gisele Celan-Lestrange.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.05.2010

Die Celan-Biografien werden umgeschrieben werden müssen, befindet Beatrice von Matt nach diesem diskreten Erinnerungsbuch einer langjährigen, bisher unbekannten Geliebten des Dichters, der Ethnologin Brigitta Eisenreich. Deren Bericht, so Matt beeindruckt, sei ein "Muster von Zurückhaltung und Subtilität", gemischt aus Erinnerungen und zerstreuten Dokumenten, Notizen und Widmungen. Ständig werde überlegt, ob es so oder doch anders gewesen sei. Die nüchternen Sätze offenbaren aus Sicht der Kritikerin stets "eine anrührende Vorsicht". Nie habe Eisenreich diese Geschichte aufschreiben wollen, lesen wir auch. Und dass es im Wesentlichen der Celan-Spezialist Bertrand Badiou und Celans Sohn Eric gewesen sei, der Eisenreich dazu ermutigt hätten. Zum Glück für Leser und Celankenner.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2010

Als eine bezugsreiche Engführung von Biografie und Philologie bezeichnet ein begeisterter Wolfgang Schneider Brigitta Eisenreichs Buch über ihr Verhältnis zu Paul Celan. Froh darüber, anstatt mit zuviel Allzumenschlichem mit einer subtilen Reflexion über eine mehr oder weniger heimliche Liebe und ihre Widerspiegelung in Celans Werk konfrontiert zu sein, taucht Schneider ein in die geheime Kommunikation der Liebenden. Spuren, die die Autorin dem Rezensenten plausibel macht. So entdeckt Schneider manches in Eisenreichs im Anhang mit abgedruckten Gedichten, das, wie es die Autorin nahelegt, in Celans Lyrik "gewandert" sein könnte, Themen, Ton, Motive. Was sich für Schneider bisweilen wie ein Roman von Nabokov liest, erscheint ihm glaubwürdig. Momente aus Celans Leben, wie die Plagiatsvorwürfe Claire Golls, erfährt er von Eisenreich zudem aus "irritierender" Nähe. Ein faszinierender Seiteneingang in Celans Werk, so Schneider.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.04.2010

Jürgen Berger nimmt an, dass die Motivation von Brigitta Eisenreich, nach so langer Zeit über ihre langjährige Liebesbeziehung zu Paul Celan zu schreiben, nicht zuletzt darin liegt, sich selbst eines Stücks ihrer Lebensgeschichte zu bemächtigen, bevor es ein anderer tut. Das Ergebnis liest er mit gemischten Gefühlen: deutlich spürbar sind für den Rezensenten die Schwierigkeiten der heute 82-jährigen Autorin bei der Bewältigung des eigenen "Lebensmaterials". Keinesfalls ein intimes Enthüllungsbuch dürften die Leser erwarten, stellt Berger klar. Die Kränkungen, die Eisenreich in der Beziehung zu Celan erlitt - sie sah sich gezwungen das gemeinsame Kind abzutreiben und musste ertragen, dass Celan neben seiner Ehe auch noch eine "amour tragique" zu Ingeborg Bachmann unterhielt -, sind für Berger in diesem Erinnerungsbuch noch deutlich zu spüren. Unbehagen mag es dem Rezensenten bereiten, wenn sich die Autorin selbst als Urheberin zentraler Gedichtmotive Celans inszeniert, wie er überhaupt von der "Hobby-Hermeneutikerin" Eisenreich nicht viel zu halten scheint. Dafür sind ihr aber in seinen Augen einige sehr berührende Beschreibungen Celans gelungen, wie Berger ebenfalls bemerkt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.04.2010

Sehr schön und gerade durch seine noble Sachlichkeit berührend findet Iris Radisch dieses Erinnerungsbuch der unbekannten Celan-Geliebten und Schwester des heute vergessenen Dichters Herbert Eisenreich, die sie in Paris besuchte. Deren Buch über die neun Jahre andauernde Beziehung zu Paul Celan sei durchdrungen vom Geist der Wissenschaftlerin, die Brigitta Eisenreich als Ethnologin auch sei. Nur sehr wenig sei von ihr selbst die Rede, von Büchern, die in der Beziehung eine Rolle spielten, umso mehr. Auch stützt diese sehr persönliche Publikation jene Celan-Interpreten, die dessen Lyrik biografisch grundiert lesen, wie Radisch schreibt. Auch eigene Lyrik von Brigitta Eisenreich aus jenen Jahren enthalte der Band, den Eisenreich den Informationen der Kritikerin zufolge nach der Publikation der Ehebriefe und der Bachmann-Korrespondenz geschrieben habe, da ihrer Ansicht nach die Geschichte wohl unvollständig sei, die eine Vierecksgeschichte war.