Nora Bossong

Gegend

Roman
Cover: Gegend
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783627001360
Gebunden, 130 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Die Ich-Erzählerin reist mit ihrem Vater in ein südeuropäisches Land. Ziel der Reise ist eine Pension in einer verlorenen Gegend, wo ihre Halbschwester lebt. Sie hat die uneheliche Tochter des Vaters noch nie gesehen. Um seine Ehe nicht zu gefährden, hatte der Vater keinen Kontakt zu Maries Mutter. In der abgeschiedenen Pension, die Maries Mutter betreibt, und in der noch der Halbbruder Fabian, eine Frau und ein Mann wohnen, geraten die Neuankömmlinge in ein Machtspiel, das durch ihre Ankunft aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Eine Vereinigung der Familienhälften scheint unmöglich, die Atmosphäre feindlich. Die Isoliertheit, in die sich Vater und Tochter auf diesem Grundstück begeben haben, wird zur Falle. Die Erzählerin fürchtet, ihren über die Grenzen des Familiären hinaus geliebten Vater an Marie zu verlieren. Die emotionale Bedrohlichkeit der Situation spiegelt sich in der bis zur Unheimlichkeit gesteigerten Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Am Schluss verlässt sie die Gegend, allein. Ob ihr die Ablösung vom Vater geglückt ist, bleibt offen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.01.2007

Als eines der überzeugendsten Erzähldebüts des vergangenen Jahres preist Paul Brodowsky Nora Bossongs Roman "Gegend". Einen "erfrischend eigenwilligen Ton" erkennt er darin, eine "zitternde Prosa des Stillstands", die sich für ihn wohltuend von den vorherrschenden "anglo-amerikanischen, psychologischen Erzähltechniken" abhebt. Wir befinden uns ja auch in Frankreich: Im Süden, in einem Garten irgendwo in der Provinz. Hier finden sich bei flirrender Hitze und in "überreizter Spannung" zahlreiche Mitglieder einer modernen Patchworkfamilie zusammen. Man brauche erst eine Weile, um die verschiedenen Figuren auseinanderzuhalten, räumt Brodowsky ein, Alter und Familienbande der einzelnen Protagonisten bleiben vage, doch alle werden von einem "Netz untergründiger Beziehungen" zusammengehalten. Bei all dem passiert nicht viel an Handlung, nur hin und wieder verschwindet eine neue Zweierkonstellation im Rhododendronbusch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2006

Michael Braun ist verblüfft und fasziniert von der "erstaunlichen Geschichte" und der "ungewöhnlichen Strenge", die sich die junge Erzählerin Nora Bossong für ihren ersten Roman auferlegt hat. Es geht um eine komplizierte Patchwork-Familienkonstellation aus Vater, Mutter, Töchtern und Brüdern, die in der Fremde, die auf keiner Karte verzeichnet ist, aufeinander treffen. Die Autorin lasse ihre Figuren in hermetischen Räumen agieren, so dass sich zwangsläufig, in der gekonnten Anordnung und Engführung der Geschichte, eine autistische Situation ergibt. Elemente des Schauerromans a la Poe, die ein echohaftes Unheil heraufziehen lassen, werden zwar sparsam, aber effektiv eingesetzt, zudem enthält sich die Erzählerin und Ich-Figur jeglichen Kommentars. Letztlich gehe es um entbehrte Liebe, meint Braun, die in Gewalt umschlägt und sich von den Eltern auf die Kinder verlagert. Manchmal gerate das Parabelhafte zu sehr in den Vordergrund, alles in allem hat es der Rezensent seinem Empfinden nach mit einem faszinierenden Roman zu tun.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2006

Thomas Meissner attestiert dem Debütroman von Nora Bossong große Suggestivkraft, atmosphärische Dichte und einen überzeugend schlichten Erzählton, bemerkt aber zu seinem Bedauern, dass die Autorin ihre Geschichte über düstere Familiengeheimnisse dann doch mit allzu vielen Anspielungen und Allegorien beladen hat. Zunächst zeigt sich der Rezensent von der suggestiven Düsternis und Rätselhaftigkeit der "Gegend" beeindruckt, in der sich ein Treffen von Familienmitgliedern abspielt, deren genaue verwandtschaftliche Beziehungen sich nur zögernd enthüllen und die letztlich auf ein Inzestproblem zwischen der Ich-Erzählerin und dem Vater hinauslaufen. Leider passe die aufwändige Form - Bossong verknüpft ihre Geschichte durch viele Anspielungen mit der biblischen Erzählung von Lot und Poes "Arthur Gordon Pym" - nicht recht zum Inhalt, und so wirke der Roman insgesamt überfrachtet, schließt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.10.2006

In diesem "abgründigen" Roman Nora Bossongs erfüllt ein dem Buch vorangestelltes Bibelzitat zu Lot in den Augen von Anne Kraume gleich zwei Funktionen. Zum einen hilft es dem Leser, das Geschehen, das kommentarlos und ohne kausale Zusammenhänge präsentiert wird, einzuordnen und zu verstehen, zum anderen setzt es den lakonischen Ton des Buches, in dem teils seltsame Dinge geschehen, ohne dass je erklärt würde. Eine Tochter erzählt, wie sie mit ihrem Vater und ihrer zunächst unbekannten Halbschwester zur Pension der Mutter fahren, um dort gemeinsam Zeit zu verbringen. Ein Familienroman ist das nicht, meint Kraume, und wenn, dann ein sehr sparsamer. Sie spricht eher von einer "Versuchsanordnung", in der die Familienmitglieder miteinander reagieren, und fühlt sich durch den kompakten Stil an Bossongs Herkunft aus der Lyrik erinnert, alles ist "sehr knapp, sehr klar, sehr verdichtet". Was im Zusammenspiel mit der rätselhaften Handlung aber zur "fremden Magie" des Romans beiträgt.
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