Thomas von Steinaecker

Geister

Roman
Cover: Geister
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783627001506
Gebunden, 204 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Die sechsjährige Ulrike ist eines Tages nicht mehr von der Schule zurückgekehrt und seitdem spurlos verschwunden. Für Jürgen, der seine große Schwester nie kennen gelernt hat, wird sie zum blinden Fleck in seiner Biografie. Doch nicht nur Ulrike, auch die Menschen in dem Wellness-Center, in dem er als Physiotherapeut arbeitet, haben für Jürgen etwas Gespenstisches. Da begegnet er eines Tages der Comic-Zeichnerin Cordula. In ihrem Comic-Strip Ute greift sie Ulrikes Schicksal auf und erweckt die Verschwundene wieder zum Leben. Von da an lässt sich Jürgen mehr und mehr auf die geheimnisvolle Cordula ein und taucht ab in die bunten Fantasiereiche ihres Comics, die ihn vom Chiemsee bis ins indische Auroville führen. Nichts scheint in ihnen unmöglich.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2008

Recht eingenommen ist Beatrice von Matt von Thomas von Steinaeckers zweitem Roman. Wie in dem Vorgänger "Wallner beginnt zu fliegen" sieht sie auch in "Geister" einen Protagonisten im Mittelpunkt, der an mangelnder Bodenhaftung, an Unfähigkeit im wirklichen Leben zu leben, es wirklich zu erleben, leidet. Sie bescheinigt dem Autor, ein "plausibles Psychogramm" dieses Mannes zu entwerfen, das zugleich ein Epochen- und Generationenbild darstellt. Mehr noch als die Figur des Jürgen hat sie die der Comiczeichnerin Ute berührt, die Jürgens Leben zeichnet, so dass dieser erstmals wirklich erfährt, wie er lebt und fühlt. "Ein komplexes Gebilde zwischen Schrift und Zeichnung", so von Matt, "erzählt diesen ergreifenden Teil der Geschichte." Die Figur der Ute verdeutlicht für sie einmal mehr, dass gerade die Frauenfiguren des Autors dessen Könnerschaft als Schriftsteller bezeugen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.12.2008

In zweifacher Hinsicht zeigt sich Christoph Haas angetan von Thomas von Steinaeckers Roman: "Geister" biete eine, so Haas, gelungene Studie eines "armen Kerls", der bei einer gewissen Lebensferne mit außergewöhnlicher Imaginationskraft hinsichtlich seiner eigenen Lebensoptionen begabt sei, und warte zugleich mit einem formalen Experiment auf, das die Gattungsgrenzen überwinde. Darüberhinaus werde "ohne kulturkritische Aufgeregtheiten" die mediale Durchdringung des Lebens reflektiert. Als Hintergrund für die Wirklichkeitsflucht des Helden erweist sich das Verschwinden seiner nie gekannten Schwester in der Kindheit, die gleichwohl motivisch den Roman durchzieht und in verschiedenen Begegnungen wiederaufscheint, bis eine Comiczeichnerin ihn mit einer möglichen Lebensgeschichte seiner Schwester und einer Spiegelung seiner selbst konfrontiert. Und darin liegt das literarische Experiment des Romans, denn die Comic-Sequenzen sind in den Prosatext eingebaut, wodurch, wie Haas meint, sowohl der Comic als Gattung als auch die Prosa gewinnen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008

Hubert Spiegel schaut sich den Helden dieses Romans von Thomas von Steinaecker genauer an. Das vom Autor inszenierte Spiel mit Rollen und Masken lässt ihn bald erahnen, woraus die Figur zusammengesetzt ist: Ein bisschen Lord Chandos und ein wenig Musils "Mann ohne Eigenschaften". So stolpert der Held durch dieses Buch "von geschmeidiger Intelligenz" und hinterlässt einen wenig sympathischen Eindruck beim Rezensenten. Da kann auch der "Lichtblick" im Dunkel dieser sich ganz dem Möglichkeitssinn verschriebenen Existenz nicht helfen, der Spiegel in der Mitte des Buches die Seiten ein wenig erhellt. Zumal der Autor Spiegel kaum Zeit zum Aufatmen lässt und seine Figur sich unrettbar verstrickt in der Welt der Nachahmungen. Dass Spiegel dem Autor und seinem Buch die Stange hält, obgleich ihm die "hölzerne Konstruktion" des Textes (ohne "überzeugenden Schluss") nicht verborgen bleibt, hat offenbar vor allem mit dem niedrigen Niveau des "jüngeren deutschen Durschnittsromans" zu tun. Lust aufs Lesen macht das nun nicht gerade.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2008

Medientheoretisch aufgeladen und "tricky konstruiert" ist Thomas von Steinaeckers Roman "Geister" nach Ansicht von Gisa Funck. Steinaecker erzähle darin von Jürgen, der darunter leidet, dass seine Schwester als Sechsjährige verschwunden ist, möglicherweise missbraucht und ermordet wurde. Diese verschwundene Schwester beschwört Jürgen in Form hinterbliebener Fotos und Filmbilder herauf, wodurch er sich vom eigentlichen Leben zurückziehe. Die Rezensentin interpretiert das Verschwinden der Schwester kurzerhand als "einen spezifischen Gewissheitsverlust der Mediengeneration", der Bilder und unmittelbares Leben austauschbar würden. Ebenso ergehe es im weiteren Handlungsverlauf Jürgen, als er auf die Comiczeichnerin Cordula treffe, die seine Schwester zur Heldin einer Graphic Novel mache. Jürgen und Cordula scheitern letztlich beim Versuch, ihre wirklichen Leben mit Wunsch- und Comicbildern zu verschmelzen, berichtet die Rezensentin. Doch ihr hat das "experimentelle Spiel", das dieser Romans mit der "Verknüpfung von Text- und Bildebene" treibt, offensichtlich gefallen. Dass die Rezensentin in diesem Zusammenhang nicht auf die von Daniela Kohl zum Roman angefertigten Zeichnungen zu sprechen kommt, ist daher besonders bedauerlich.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2008

Oliver Pfohlmann bleibt in seiner Besprechung lange Zeit einigermaßen unbestimmt, bis er dem 1972 geborenen Autor schließlich doch bescheinigt, die "Hürde des zweiten Romans" mit Bravour gemeistert zu haben. Wie das erste Buch handelt es sich um einen Mix aus Text und Comic, was beim Rezensenten eine überraschende "Emotionalisierung" hervorgerufen hat, wobei sich der Text wie ein Bewusstseinsstrom im Schnelldurchlauf liest, der sich mit den minimalistisch gehaltenen Bildergeschichten vereinigt. In der durchgehend in einem kühlen Präsens gehaltenen Geschichte geht es um einen Mann, den über Jahrzehnte hinweg die Bilder der vor seiner Geburt verschollenen Schwester verfolgen, die ihn an einem Leben in der Gegenwart hindern. Erst als die Schwester als Comicfigur aufersteht, findet er Erlösung und flüchtet sich in den Eskapismus der Bilderwelt. Der Rezensent sieht in der Romankonstruktion auch ein generationentypisches Lebensgefühl verhandelt, das den "Effekt der Bildmedien auf das Begehren" des Ichs untersucht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2008

Für nicht ganz geglückt hält Rezensent Rolf-Bernhard Essig Thomas von Steinaeckers multimedialen Roman über einen Mann, der psychisch beschädigt ist, weil seine ältere Schwester vor seiner Geburt spurlos verschwand. Das Buch folgt der Inhaltsskizze des Rezensenten zufolge dem Mann durch unglückliches Kind- und Erwachsensein, schildert Ekstasen und Neurosen, eingebettet in den Versuch, die Spur der Schwester aufzunehmen. Doch die Ambitioniertheit des aus Prosa und Comic zusammengesetzten Buchs bei gleichzeitiger Minderbeherrschung der eingesetzten Mittel machen das Unternehmen für den Rezensenten ziemlich zweifelhaft. Nicht nur, dass die Romanfiguren seltsam leblos bleiben, der Satzbau aus seiner Sicht kurzatmig, die Wortwahl schlicht und die Grammatik mitunter bedenklich ist - die Comics verkomplizieren die Sache eher, als das sie das Buch bereichern. Sie seien zwar "schön komponiert", jedoch "textlich unbeholfen" und fügen sich für den Geschmack des Rezensenten nur schwer in den Gesamtkontext ein.
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