Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet. "Ich heiße Sylvie Meyer. Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt. Ich bin Mutter zweier Kinder. Ich lebe seit einem Jahr von meinem Mann getrennt. Ich arbeite bei Cagex, einem Gummiunternehmen. Ich leite die Personalentwicklung. Ich bin nicht vorbestraft." Sylvie Meyer ist eine einfache, starke Frau mit klaren Grundsätzen, und eine Arbeiterin, auf die man sich verlassen kann. Als ihr Mann sie verließ, sagte sie nichts, weinte nicht. Sie machte weiter wie zuvor. Kümmerte sich um ihre beiden Söhne im Teenageralter. Versuchte nachts ein Bett auszufüllen, das zu groß für sie geworden war. Auch als ihr Chef Victor Andrieu sie neuerdings zwingt, die anderen Arbeiterinnen, ihre "Bienen", heimlich zu überwachen, fügt sie sich. Sylvie will kein Opfer sein. Sie erstellt Kriterien und Listen für zukünftige Entlassungen. Wieder handelt sie, wie von ihr erwartet, jedoch gegen ihr moralisches Empfinden. Bis zu jenem Tag im November als die Ungerechtigkeit, die Gewalt der Welt und ihre eigene Einsamkeit sie einholen; als sie erkennt, dass sie seit Langem erstickt, bei der Arbeit und im Privaten - da endlich rebelliert Sylvie und schreitet zur Tat. Sie verliert viel, doch für eine kurze Weile fühlt sie sich wieder lebendig und frei.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2022
Rezensentin Kim Maurus lobt die Sorgfalt, mit der Nina Bouraoui in ihrem ursprünglich als Theaterstück konzipiertem Roman das Machtgefälle zwischen Frauen und Männern aus der Sicht einer "gewöhnlichen" Frau beschreibt. Wie die Protagonistin sich langsam über die emotionalen und finanziellen Abhängigkeitsverhältnisse in ihrem Leben und ihrem Beruf bewusst wird, vermittelt der Text laut Maurus in Form eines selbstreflexiven in klarer Sprache verfassten Monologs. Der bereits vor MeToo erarbeitete Text mündet in einen Akt der Selbstermächtigung der facettenreichen Figur, erklärt Maurus.
Rezensentin Dina Netz verschlingt diesen schmalen Roman der französischen Autorin Nina Bouraoui, die die Kritikerin in einem Atemzug mit Marguerite Duras und Annie Ernaux nennt. An Duras erinnert die Rezensentin Bouraouis präzise Beobachtungskunst und die "poetischen" Bilder, an Ernaux das soziologische Fundament des Romans. Erzählt wird die Geschichte der 53jährigen Mutter Sylvie, die von ihrem Chef zur Überwachung ihr MitarbeiterInnen gezwungen wird und diesen in einem persönlichen "Befreiungsschlag" eine Nacht lang mit einem Küchenmesser bedroht. Die "karge" Sprache und die rhythmischen Sätze, die Bouraoui nutzt, um von Kapitalismuskritik, Vergewaltigung, MeToo und Befreiung zu erzählen, haben die Rezensentin tief beeindruckt.
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