Niels Christie

Wieviel Kriminalität braucht die Gesellschaft?

Cover: Wieviel Kriminalität braucht die Gesellschaft?
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406527876
Broschiert, 192 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Sigrid Langhaeuser. Obgleich die seriösen Medien fast aller westlichen Länder jährlich von fallenden oder doch zumindest stagnierenden Verbrechensraten berichten, verringert sich die allgemeine Angst vor Verbrechen keineswegs, und die Zahl der Inhaftierten wächst. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Der Kriminologe Nils Christie sucht diese Frage in ungewohnter Weise zu beantworten. Er fragt nämlich, wie groß eigentlich die angemessene Menge an Verbrechen und Strafe ist, die eine Gesellschaft braucht und verkraften kann. Eine Ausgangsposition, die zunächst verblüfft. Aber allein sie ermöglicht einen neuen und erhellenden Blick darauf, wie Gesellschaften Verbrechen und Strafe definieren und weshalb es allein schon zwischen den westlichen Nationen so unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, was ein Verbrechen ist und wie die darauf angemessene Reaktion lauten muss.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.07.2005

Recht kritisch geht Rainer Maria Kiesow mit Nils Christies Essay "Wieviel Kriminalität braucht die Gesellschaft?" ins Gericht. Er beanstandet nicht nur, dass Christie auf diese von ihm selbst gestellte Frage gar keine Antwort gibt, sondern auch, dass das Thema des Essays weitgehend im Dunkeln bleibt. Deutlich werde zwischen den zahlreichen kleinen Geschichtchen, privaten Erlebnissen, Statistiken und Meinungsäußerungen allenfalls, dass es irgendwie um Verbrechen und Strafen geht. Einig ist sich der Rezensent mit dem Autor natürlich darin, dass beides unerfreuliche Dinge sind. Allerdings gehen ihre Meinungen, wie damit zu verfahren sei, weit auseinander. "Christie heilt die Welt mit Freundlichkeit", spöttelt Kiesow, eine Haltung, die er nicht teilen mag. In der Sache setze Christie vor allem auf Schlichtungsverfahren. Dass er dabei kaum auf Strafzwecke und die dazu entwickelten Theorien eingeht, findet Kiesow enttäuschend. Richtig genervt zeigt er sich von der demonstrativ zur Schau gestellten Freundlichkeit des Autors, seiner "freundlichen Unentschiedenheit" und dem "freundlich Ungefähren". Durch Freundlichkeit allein aber sei die Zerstückelung der Welt nicht aufzuheben, resümiert Kiesow, "und durch Freundlichkeit allein entsteht kein gutes Buch".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.04.2005

Ein recht dünnes Buch für eine ausgesprochen komplexe Thematik, doch Rezensent Matthias Penzel findet, dass der norwegische Wissenschaftler Nils Christie eine Menge Gedanken zum Thema Kriminalität und Strafe untergebracht und dabei sogar ein "mit seinen Anekdoten äußerst lesbares Büchlein" geschrieben hat. Für den Umstand, dass immer mehr Menschen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Gefängnis sitzen, macht Christie den alles durchdringenden Materialismus verantwortlich. Seine Ursachenanalyse findet Penzel "wenig zeitgemäß" und zitiert den Autor: "Es sei unser Schicksal in der modernen Gesellschaft, unter Fremden zu leben - was Konsequenzen für die Interpretation von Verhalten hat, ebenso die Härte von Strafen sowie natürlich das Verhalten an sich." Der Rezensent lässt nicht richtig erkennen, ob er dieser Argumentationskette folgen will, ob sie ihm nun zeitgemäß scheint oder nicht. Überzeugend findet er aber auf jeden Fall den von Christie festgestellten Zusammenhang zwischen Sklaverei und Leibeigenschaft in früheren Zeiten und einer großen Gefängnispopulation in der Gegenwart: "Die Wurzeln der Gefängnissysteme der Spitzenreiter sind auch in Sklaverei und Leibeigenschaft zu suchen".