Von der Spurensuche zur Geschichtskultur: Wo liegt das deutsche koloniale Erbe und warum streiten wir gegenwärtig so heftig und widersprüchlich darüber? Restitutionsdebatten, Straßenumbenennungen, Denkmalstürze - die Auseinandersetzung mit Deutschlands kolonialem Erbe ist in den vergangenen Jahren intensiv geführt worden. Doch um die jüngsten Konflikte zu verstehen, reicht ein Blick auf die Kolonialzeit allein nicht aus. Die Beiträger*innen dieses Bandes vollziehen daher einen entscheidenden Perspektivwechsel: Ihr Blick richtet sich nicht allein auf die Phase des Hochimperialismus, sondern die Nachgeschichte des Kolonialismus seit 1945 und der gegenwärtige Umgang mit der Kolonialvergangenheit werden in den Mittelpunkt gestellt. In den damit offen gelegten Konfliktlinien zeigt sich, wie unter anderem in der Presse, in Schulbüchern und in Kultureinrichtungen um die Deutung der deutschen Kolonialvergangenheit gerungen wurde und wird. So wird deutlich, dass das öffentliche Erinnern keinem geradlinigen Verlauf folgte, sondern vielmehr Phasen der Rechtfertigung, des Vergessens und der kritischen Auseinandersetzung durchlief. In der Verbindung aktueller Debatten in Namibia und Tansania mit lokal- und regionalgeschichtlichen Analysen aus Deutschland entsteht eine neue Topografie der Geschichtskultur des deutschen Kolonialismus.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2026
Rezensent Frank Bösch liest sich durch einen interessanten Sammelband, der sein Thema allerdings nicht erschöpfend behandelt. Die von Nicole Garretón, Johannes Jansen und Alina Marktanner herausgegebene Veröffentlichung entstand im Anschluss an eine Tagung zur Erinnerung an den deutschen Kolonialismus. Einige der Beiträge beschäftigen sich mit der Erinnerungspolitik in afrikanischen Ländern, wobei interessante Unterschiede zu Tage treten, wie wir lesen: In Tansania wurde schon früh den kolonialen Kämpfen gedacht, in Namibia erst viel später. Hauptsächlich geht es jedoch um deutsche Debatten und da der Band fachlich in der Geschichtsdidaktik angesiedelt ist, stehen besonders Schulbücher im Zentrum. So zeigt Lars Müller etwa auf, dass das Thema deutscher Kolonialismus inzwischen in der Tat vermehrt in Lehrmaterialien auftaucht, inklusive Verweisen auf rassistische Strukturen, dass die entsprechenden Passagen aber immer noch ziemlich kurz ausfallen, resümiert der Kritiker zentrale Beiträge. Auch ernüchternde Umfrageergebnisse zum Interesse der deutschen Bevölkerung am Thema sind Teil des Buches. So weit so gut, meint Bösch, der allerdings tiefergehende Analysen in Bezug auf politische Kontroversen zum Beispiel bei der Restitution von Kunstwerken vermisst. Insgesamt ist dieses Buch also nur ein Anfang, heißt es abschließend.
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