Gegenwärtig erleben wir den Umbau der traditionellen Industrie- in Wissensgesellschaften. Der gewaltige Bedeutungszuwachs, den Wissen, Wissenschaft und Technik dabei erfahren, muß jedoch nicht zur Bedrohung der individuellen Freiheit durch die Übermacht anonymer Kontroll-, Manipulations- und Repressionsapparate führen. Im Gegenteil: Wissensgesellschaften bieten dem einzelnen erweiterte Handlungsmöglichkeiten, während sie die Macht des Staates und der großen Kollektive eher lähmen. Gerade deshalb sind Wissensgesellschaften zerbrechlich.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 16.11.2000
Kapitalismuskritik - in den 80ern ein Refugium der (ganz) Linken - ist als Bestandteil gesellschaftlicher Zustandsbeschreibungen wieder dick da, wie unter anderem in Ludger Heidbrinks knapper und klarer Besprechung zweier soziologischer Entwürfe zu erfahren ist.
1) Zygmunt Bauman: "Die Krise der Politik"
Bauman liefert, so Heidbrink, eine "schwarze Suada über das Ende des Traums von der guten Gesellschaft". Der vom globalen Markt beherrschte und von der Politik vernachlässigte Mensch tritt die Flucht ins Private an. Heidbrink wundert sich, dass Bauman trotzdem Lösungen anbietet, nämlich "das republikanische Modell aktiver Staatsbürgerschaft, die Bereitstellung eines ? Grundeinkommens und die Stärkung autonomer Institutionen". Völlig unklar bleibe allerdings, wie das in der "Diktatur anonymer Mächte" wirksam werden könnte. Baumans Zeitdiagnose ist "widersprüchlich."
2) Nico Stehr: "Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften"
Da ist Nico Stehr viel genauer, urteilt Heidbrink. Bei ihm gibt es durchweg ein `sowohl? als auch`: Sowohl ein Abbau von Sicherheit, als auch neue Chancen der Einmischung, weil sich die Wissensgesellschaft unaufhaltsam verbreitet. Anders als Bauman macht Stehr "keine Verlustrechnung auf", sondern analysiert sorgfältig die "Widersprüchlichkeit der Verhältnisse". Am Ende favorisiert Heidbrink dann aber eine eigene Idee: Am ehesten könnte "situative Mikropolitik soziale Kursänderungen bewirken."
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