Nicholas Shakespeare

Bruce Chatwin

Eine Biografie
Cover: Bruce Chatwin
Kindler Verlag, München 2000
ISBN 9783463403892
Gebunden, 864 Seiten, 39,88 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anita Krätzer. Als der Reiseschriftsteller, Abenteurer und Migrationsforscher Bruce Chatwin 1989 starb, verschwand mit ihm einer der schillerndsten Sterne am literarischen Himmel. Nicholas Shakespeare, der mit Chatwin befreundet war, verfolgte dessen Spur in unermüdlicher Kleinarbeit auf fünf Kontinenten. In seiner Biografie erfahren wir alles über den Menschen Chatwin, über sein Leben und Werk: von seiner ländlichen Kindheit in der Moorlandschaft um Birmingham über seine ungewöhnliche Karriere als Kunsthändler bei Sotheby`s bis hin zu seinen zahlreichen Expeditionen in exotische Fernen. Chatwins charakteristische Vernetzung scheinbar widersprüchlicher Lebensstile wird auf einmal verständlich: der leichte Umgang mit den Reichen und Berühmten dieser Welt und das eigenbrötlerische Nomadentum; die Faszination von zeitgenössischer Kunst und primitiver Kultur; die Liebe zu Männern und Frauen; das Bewusstsein für die Wechselbeziehungen zwischen moderner und archaischer Welt und seine lebenslange Suche nach den anthropologischen Verbindungslinien.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.03.2001

Schön nacherzählt möchte man dem Rezensenten Jürgen Becker sagen, aber wo bleibt die Kritik? Von Mühen, die der Biograf Shakespeare auf sich nehmen mussten, um das Material zu sichten, ist da die Rede, auch davon, dass der Biograf weder "philologisch" noch psychologisierend arbeite; aber mehr nicht: kein Wort darüber, ob die Mühen umsonst waren oder zumindest die Mühen der Lektüre lohnen. Stattdessen ein kleines Kurzreferat, das uns die Höhepunkt von Chatwins Leben wahrscheinlich an Hand der zu rezensierenden Biografie vor Augen führt. Dies wiederum vermittelt leider den Eindruck, dass mehr dazu nicht zu sagen ist und vor allem, dass auch das besprochene Buch nicht mehr bietet. Kann das sein?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.02.2001

In einer sehr umfangreichen Rezension setzt sich Cees Nooteboom zunächst mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten auseinander, eine Biografie zu schreiben, die der betreffenden Persönlichkeit wirklich gerecht wird. Nicolas Shakespeares Verfahren, die Biografie aus zahlreichen "Spiegeln" zu konstruieren, also Mosaiksteinchen, in denen sich Bekannte, Liebhaber, Schulfreunde, Kollegen und viele andere Menschen aus seiner Nähe über Chatwin äußern, findet Nooteboom angesichts der Textmasse reichlich verwirrend, wenngleich er von den verschiedenen Bildern, die diese Personen von Chatwin zeichnen ("von gackernder Schwuchtel (...) bis zu einem besessenen Schriftsteller") auch fasziniert zu sein scheint. Insgesamt ist der Rezensent jedoch der Ansicht, dass Shakespeare seinen eigenen Anspruch an ein höchstmögliches Maß an Objektivität nicht immer einlösen konnte. Nooteboom fühlt sich bisweilen an ein "staatsanwaltliches Plädoyer" erinnert, in dem mit Legenden aufgeräumt wird und der Schriftsteller bisweilen reichlich Federn lassen muss: "als müsste neben dem Bild des strahlenden Helden ein anderes, düstereres Bild beschworen werden". Doch trotz zahlreicher Schwächen, die Nooteboom bei dieser Biografie diagnostiziert, so zeigt er sich doch insgesamt über das Erscheinen dieses Buchs hoch erfreut. Schließlich habe die Lektüre das letztlich Entscheidende bei ihm bewirkt: Die Bücher Chatwins endlich wieder einmal zu lesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2000

Shakespeare habe eine Biografie der Person Chatwins geschrieben, meint Rezensent Gennaro Ghiradelli, aber auch eine seiner Masken und Selbstinszenierungen. Beim Lesen war sich Ghiradelli dann oft nicht sicher, ob der Biograf streckenweise nicht doch "Opfer seines Gegenstandes und dessen Fama", also von Chatwins Selbstmystifikation wurde. Man erfährt eine Menge über Chatwin, das neugierig auf diese Biografie macht. Zehn Jahre hätten die Recherchen zu diesem Buch gedauert, lesen wir, und der Rezensent staunt, wie viele Menschen, die mit Chatwin Kontakt hatten, unveröffentlichte Tagebücher und Manuskripte in ihren Schubladen gehabt hatten (eigene oder Chatwins?). Das Buch erinnere mit seinem collagenartigen Konstruktionsprinzip an Chatwins "vielzitiertes, angeblich kubistisches Konstruktionsprinzip". Angesichts der Myriaden von auf über 800 Seiten verteilten Namen, Orten und Begebenheiten empfindet der Rezensent sein Erinnerungsvermögen jedoch als "stark strapaziert" und moniert das Fehlen einer "detaillierten Zeittafel" zu Chatwins Leben. Trotz Materialfülle und ausführlichen Beschreibungen aus dem Sexualleben des bisexuellen Schriftstellers, kritisiert er außerdem, blieben wichtige Figuren in dessen Leben schemenhaft. Besonders Vater Charles und Ehefrau Elisabeth, die den Leser zwar begleiteten, aber bloß als "Staffage für den Auftritt des Superstars Bruce". Trotzdem, befindet Ghirardelli schließlich, kämen die "vielen Chatwin-Fans ebenso wie die Gegner" an diesem Buch nicht vorbei.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.11.2000

"Er hatte den Verstand einer Elster", soll ein Freund über Bruce Chatwin gesagt haben. Mit diesem Zitat verdeutlicht Eberhard Falcke das Chatwin-Phänomen: Er sog wie ein Privatgelehrter des 19. Jahrhunderts einfach alles in sich auf, und es gelang ihm immer auf faszinierende Weise, aus seinem zusammenstiebitzten intellektuellen Vorratskeller irgendetwas aufzutischen. Chatwin war jemand, schreibt Falcke, den das Sammeln faszinierte: von "Menschen, Eindrücken und Ideen". Falcke äußert sich positiv über das sehr umfangreiche Buch, in das der Autor, selbst Romancier, zehn Jahre Arbeit gesteckt hat. Ein Buch, das aus vielen Stimmen zusammengesetzt sei, die so klug neben- und gegeneinander gestellt würden, dass sie die Analyse en passant lieferten. Erstaunt erfährt man, wie viele Schwierigkeiten der so eloquente Chatwin mit dem Schreiben hatte, und mit dem Schreiben der Wahrheit, berichtet Falcke, hielt es Chatwin eh nicht so genau. Kein Problem für die Literatur, sondern für die Ethnologen oder Anthropologen, denen Chatwin mit seinen Reisebüchern Konkurrenz gemacht habe. So beruhe sein berühmtes Buch über die "Songlines" der Aborigines letztlich auf einem dreitägigen Ausflug in den australischen Busch. Shakespeare bewahre den Sinn für die widersprüchlichen Seiten dieser schillernden Persönlichkeit, lobt Falcke, ohne ihn zu verteufeln oder zu heroisieren.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Als "eine der inspirierendsten Figuren im Spannungsfeld von Literatur und Ethnologie zu Ende des 20. Jahrhunderts" bezeichnet Rezensent Hans-Jürgen Heinrichs Bruce Chatwin und so findet er auch Nicolas Shakespeares Biografie über Chatwin spannend. Kritik übt er jedoch auch. So bemängelt Heinrichs, dass Shakespeare sich zu sehr in biografischen Details verliert und die Wirkung des literarischen Werks auf Chatwins Leben aus den Augen verliert. Das ist Heinrichs Meinung nach aber typisch für Biografien über "reisende Schriftsteller": Er vergleicht Shakespeare mit Susannah Clapps, die in ihrer Chatwin-Biografie einen weniger linearen Ansatz verfolge und trotzdem dazu neige, Chatwins Leben in einen Lebenslauf aus einem Guss zu verwandeln.
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