Navid Kermani

In die andere Richtung jetzt

Eine Reise durch Ostafrika
Cover: In die andere Richtung jetzt
C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN 9783406819698
Gebunden, 272 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Bis heute gilt Afrika als der "vergessene Kontinent", dabei ist es spätestens seit dem 19. Jahrhundert vor allem der umkämpfte Kontinent. Europäische Kolonialmächte haben hier tiefe Wunden hinterlassen. Der arabische Norden trägt seine Religion und Kultur in den Süden, oft mit Gewalt. China und der Westen konkurrieren um Bodenschätze und Einfluß. Vergessen ist Afrika vor allem da, wo es nichts zu holen gibt, etwa auf Madagaskar. Hier haben die Vereinten Nationen die erste Hungersnot deklariert, die vom Klimawandel verursacht wurde. Hier beginnt die Reise, die Navid Kermani für die Zeit unternommen hat. Sie führt ihn weiter über die Komoren, Mosambik, Tansania, Kenia und Äthiopien bis in den Sudan. Wo andere Schriftsteller Ursprünglichkeit suchten, entdeckt Kermani Bevölkerungen und Kulturen in Bewegung, oft auf der Flucht vor Krieg und Dürre. Vor allem aber haben sie schon immer kreativ neue kulturelle Einflüsse aufgegriffen und zu etwas Eigenem gemacht. Das zeigt sich nirgends so deutlich wie in der Musik. Sie bildet den heimlichen roten Faden dieses Buches.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.12.2024

Wärmstens empfiehlt Michael Hesse Navid Kermanis Reisereportage über Ostafrika. Nicht nur, weil Kermani ein "glänzender Erzähler" ist und es mit seinen Schilderungen einfach fällt, sich in ein ganz anderes Umfeld hineinversetzen zu lassen. Sondern auch, weil hier eine Perspektive eröffnet wird, die so ganz anders ist als die westliche Lebensrealität. Hesse verfolgt gespannt und erschüttert Kermanis Weg durch Madagaskar, die Komoren, Mosambik und Äthiopien, wo der Krieg wütet. Die Folgen des Klimawandels, die die westliche Welt immer noch wie eine abstrakte Drohung behandelt, werden in Madagaskar ganz konkret, wo die Menschen an der Dürre sterben. Kermani spricht mit vielen unterschiedlichen Personen, lernt Totenrituale kennen, die für unsere Ohren skurril klingen, spricht mit einem afrikanischen Musiker, der auch hierzulande bekannt ist, sieht die Folgen von Krieg und Terrorismus, aber auch die atemberaubende Schönheit des Landes. Der Kritiker kann diese reichhaltige Schilderung nur jedem empfehlen und hofft, dass sie bei vielen den "Blick weiten" für den afrikanischen Kontinent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.12.2024

"Produktiv überfordert" fühlt sich Rezensent Holger Heimann bei der Lektüre von Navid Kermanis Buch über Ostafrika. Denn der Reporter gebe sich nicht mit gut verdaulichen Vereinfachungen und simplen Lösungen zufrieden, sondern bemühe sich auf beeindruckende Weise um einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit - und das ist in den verschiedenen von Kermani durchreisten Ländern Ostafrikas vor allem eine Wirklichkeit der Armut, Hungersnot, des Bürgerkriegs und eingewachsener kolonialer Strukturen, liest Heimann. Wie der Autor dabei nicht reisechronologisch, sondern gemäß der geografischen Anordnung seine Erfahrungen von Madagaskar über Mosambik bis zum Sudan schildert, den eigenen Schock über zerschnittene Kinderbeine oder resignierte äthiopische Soldaten nicht ausblendet, aber trotzdem das "Nachdenken und Nachforschen" auch zur globalen Einbettung dieser Probleme nicht aufgibt, findet der Kritiker sehr beachtenswert. Ziel der Reportage sei, wie Heimann den Autor zitiert, dass man als Leser hinterher nicht besser, sondern gerade weniger "Bescheid wisse" - was für den Kritiker im allerbesten Sinne funktioniert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2024

Mit Faszination liest Pascal Moser diese Reportagen Navid Kermanis, die zum großen Teil im Auftrag der Zeit geschrieben wurden. Kermani bereist ganz Ostafrika, von Madagaskar bis in den Sudan. Das Buch ist duchaus eine Anklage des westlichen Kolonialismus, so Moser, aber Kermani ist nicht einseitig: Auch den arabischen Kolonialismus nehme er in den Blick. Und vor allem: Kermani betreibe nicht den Miserabilismus, den man oft mit Beschreibungen des subsaharischen Afrika verbindet, er suche auch nach Schönheit, die er vor allem in der Musik finde, auch in der Verschmelzung musikalischer Traditionen aus Afrika und dem Westen. Durch den 7. Oktober liest sich für den Rezensenten manches in neuem Licht. Er zitiert eine etwas irritierende Passage Kermanis, der sich Sorgen mache, dass keine Künstler aus Afrika, geschweige denn aus arabischen Ländern mehr nach Deutschland eingeladen werden: "Zu groß die Gefahr, dass jemand nicht die Tabus beachtet, vielleicht nicht einmal kennt, die unserer Geschichte geschuldet sind." Hält Kermani den israelbezogenen Antisemitismus bei all diesen Künstlern für eine ausgemachte Sache? Hierzu hätte man vom Rezensenten gern etwas mehr gelesen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 04.10.2024

Rezensent Günther Wessel gibt zu, dass der Islamwissenschaftler Navid Kermani in seinem Buch über Ostafrika kaum Erklärungen liefert, geschweige Antworten auf das, was er sieht und worüber er berichtet: Hunger, Gewalt, blanke Not. Das große Plus des Buches ist für Wessel auch nicht die Analyse, auch wenn Kermani die kolonialistischen Wurzeln vieler Übel erkennt. Es ist die Nähe und Empathie, mit der der Autor sich den Menschen auf den Komoren, in Mosambik, Tansania oder Äthiopien zuwendet, nie voyeuristisch, immer sich seiner Privilegien bewusst. Dass es die Kultur ist, die Kermani Hoffnung vermittelt, stimmt auch Wessel ein kleines bisschen optimistisch, trotz all des erschütternden Leids, das der Autor vor dem Leser ausbreitet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.09.2024

Nicht durchweg überzeugt ist Rezensent Michael Bitala von diesem Band, der journalistische Texte Navid Kermanis über die Reisen des Autors nach Ostafrika sammelt. Literarisch ist an Kermanis Prosa selbstverständlich nichts auszusetzen, stellt Bitala klar, und immer wieder finden sich großartige Episoden, etwa wenn ein Jazzmusiker in Äthiopien über die integrative Kraft der Musik nachdenkt oder Kermani eine Diskussion unter den Nuba auslöst, als er vor Ort Leni Riefenstahls Bildband über sie aufschlägt. Was Bitala jedoch vermisst, sind Hintergrundrecherchen. Kermani beschränkt sich darauf, mit ein paar Leuten vor Ort zu reden, und der Rezensent legt anhand einiger Beispiele dar, warum das oft nicht ausreicht. So wird in Kermanis Buch etwa, kritisiert Bitala, nicht dargelegt, wie es möglich ist, dass Mosambik von schlecht ausgerüsteten islamistischen Milizen terrorisiert werden kann. Kein ungetrübtes Lesevergnügen also, aber abschließend möchte Bitala das Buch aufgrund der eingangs erwähnten Highlights doch empfehlen.

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