Milan Kundera

Der Vorhang

Roman
Cover: Der Vorhang
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446206595
Gebunden, 224 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Milan Kundera entwirft ein Bild Europas und der Welt durch die großen Romane der Weltliteratur. Die Liebesgeschichte der Anna Karenina und die habsburgerische Bürokratie bei Kafka und Stifter, das Paris von Flaubert und das von Proust - ein Buch voller Anekdoten und Analysen, Szenen und Bilder, in denen die Romane der Weltliteratur lebendiger als die Wirklichkeit selbst werden. Dargestellt mit der kritischen Ironie eines bedeutenden Erzählers.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.12.2005

Milan Kundera hat mit seinen Betrachtungen über den Roman, die er 1986, 1993 und nun auch mit seinem jüngsten Buch "Der Vorhang" anstellt, ein "ganz neues Genre, irgendwo zwischen Romanseitenzerpflücken, Blütenverlesen, Buchrändervollschreiben" und vergnüglichem Streifzug durch die Literatur Europas geschaffen, stellt Joseph Hanimann bewundernd fest. Der Autor wende sich in seiner Begutachtung der europäischen Romanliteratur gegen die nationale Katalogisierung der Literatur, der sie für gewöhnlich unterworfen wird und die Kundera als "intellektuelles Scheitern" verurteilt, teilt der Rezensent mit, der diesen Gegenentwurf äußerst "gelungen" findet. Der Autor stellt Entwicklungen ost- und westeuropäischer Literatur gegenüber, und dies alles wirkt bei ihm deshalb keineswegs schematisch, weil all seine Überlegungen "mit Erfahrung durchtränkt" sind, lobt Hanimann. Zwar will er Kundera nicht unbedingt in allen Aspekten seines "Plädoyers" für den Roman folgen. Doch zeigt er sich von der "Moral des Wesentlichen" überzeugt, die der Autor einfordert, und die der Rezensent im durch Kundera "vorbildlich praktizierten" Verzicht, weitere Romane zu schreiben, wie auch in den "Lese- und Lebenssplittern" des Buches aufgehoben sieht. Am Ende seiner eingenommenen Kritik findet er auch noch lobende Worte für die "elegante" und "sorgfältige" Übersetzung von Uli Aumüller, wobei er gewissenhaft vermerkt, dass sich "auf Seite 27" ein "logischer Fehler" eingeschlichen hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005

Nach "Die Kunst des Romans" und "Verratene Vermächtnisse" legt Milan Kundera mit "Der Vorhang" ein drittes "essayistisches Panorama der Romanlandschaft" vor, erklärt der Rezensent Franz Haas. Wer sich jedoch grundsätzlich Neues oder radikales Dissendentum erhoffe, werde in dieser "Ahnentafel des Weltromans" nicht fündig werden. Gewissenhaft buchstabiere Kundera die Namen der Großen auf recht kanonische Art und Weise - mit Ausnahme des 20. Jahrhunderts, das durch einige Auslassungen, wie etwa Thomas Mann, Bohumil Hrabal oder Vladimir Nabokov verstöre, dafür aber eine "glitzernde silberne Brücke" der "Wahlverwandtschaft" von Zentraleuropa nach Lateinamerika (zu Gabriel Garcia Marquez, Carlos Fuentes und Ernesto Sabato) schlage. Ein bisschen willkürlich und logisch beschönigt findet der Rezensent das Ganze, doch Kunderas "subjektiven Furor" verzeiht er ihm gerne - hat doch seine "unsystematische Begeisterung" nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Mit beinahe überirdischer Eleganz, schwärmt der Rezensent, kommentiert und "entstaubt" Kundera die mitunter alten Schinken und fasst deren Tausende von Seiten in "ein paar blitzende Sätze".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.09.2005

Milan Kundera hat mit seinem neuen Buch einen Abriss der Geschichte der Literatur vorgelegt, der gleichzeitig eine "Liebeserklärung an die Kunst des Romans" ist, stellt Martin Krumbholz fest. Als Romancier sei Kundera zwar eher weniger für radikale Neuerungen, als Theoretiker jedoch habe er ein gutes Auge für Erneuerungen und ihre Bedeutung. So vertrete er die Ansicht, dass Zweck jedes Romans das Zerreißen eines Vorhangs (daher der Titel) vorgefasster Ansichten sei, wobei sich die Form eines guten Romans diesem Zweck stets unterordne. Eine weitere zentrale These: Der Roman sei "wesentlich eine komische ? Kunstform", die sich im Gegensatz zum Leben nie wiederhole, dem Leser aber helfe, das Leben mit einem neuen, unverstellten Blick zu betrachten. Diese Thesen illustriere Kundera durchweg anhand seiner "Lieblinge", allen voran Cervantes, doch der Rezensent ist mit dieser Auswahl sehr einverstanden, da diese dem Zweck des Buches allesamt dienten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.08.2005

Andreas Isenschmid bezeichnet es als ziemlich "riskant", dass Milan Kundera in seinem jüngsten Buch nun zum dritten Mal die "Theorie des Romans" zum Gegenstand eines Textes macht, doch beeilt sich der Rezensent zu bekräftigen, dass "Der Vorhang" äußerst frisch und mit viel "Leidenschaft" die Ansichten des Autors auf den Punkt bringt. Das Buch besteht aus Fragmenten, kurzen Texten von kaum je mehr als einer Seite, denen die Kapitelüberschriften zwar einen Anstrich von Systematik geben sollen, die aber "zum Glück" eher dem "Geist der Causerie" verpflichtet sind, so Isenschmid eingenommen. Eine Fülle von "überraschenden Beobachtungen" und "kleine schlagende Deutungen" hat der begeisterte Rezensent gefunden, der die "schönsten Effekte" in den originellen "Zusammenstellungen" gefunden hat, beispielsweise, wenn Kundera Hugos tragische Helden mit "Flauberts Entdeckung der Dummheit" konfrontiert. Dabei verdanke das Buch seinen "Charme" nicht zuletzt dem "Persönlichen", das Kundera einbringe, etwas wenn er die Biografie seiner Eltern anspricht, so der Rezensent anerkennend. In diesem Buch schreibt der Autor so "lustvoll und einfallsreich", dass einem die Tatsache, dass in seiner Romangeschichte die Gegenwart überhaupt nicht vorkommt und überdies Schriftsteller wie Thomas Mann, Nabokov oder Proust keine Erwähnung finden, "fast egal" ist, meint Isenschmid.