Michael Wildenhain

Das Lächeln der Alligatoren

Roman
Cover: Das Lächeln der Alligatoren
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015
ISBN 9783608939736
Gebunden, 241 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Eher unfreiwillig verbringt Matthias seine Sommerferien auf Sylt. Er besucht seinen jüngeren Bruder, der dort in einem Heim lebt und mit niemandem spricht. Doch der Urlaub nimmt eine unerwartete Wendung, als Matthias die Betreuerin seines Bruders kennenlernt und sich in sie verliebt. Marta allerdings nimmt ihn zunächst nicht wahr. Erst als sie sich Jahre später an einer Berliner Universität wiedertreffen, kommt Matthias seiner Jugendliebe nahe. Sie führt ihn in Studentenkreise ein, die einer radikalen Gruppierung angehören. Matthias lässt sich auf Marta und ihre Überzeugungen ein, ignoriert Vorzeichen und widerstreitende Gefühle. Was Martas Absichten sind, wird ihm erst klar, als es zu spät ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2015

Zwischen die Systeme fällt Rezensent Tilman Spreckelsen mit dem Roman von Michael Wildenhain. Die so festzustellende Unvermittelbarkeit zwischen ihnen ist für den Rezensenten schmerzlich und tröstlich zu gleich. Tröstlich, da Wildenhain den Leser an die Hand nimmt und immer etwas klüger aussehen lässt als den Erzähler. Ein Erzähler, so erläutert Spreckelsen, der auf 242 Seiten versucht, sich von einer Frau ein Bild zu machen, die ihn ein Leben lang zumindest im Geist begleitet, immer wieder auftaucht und ihn tiefgreifend irritiert mit ihrer Weltsicht. Ist sie Mörderin, Terroristin, Geliebte? Spreckelsen ist sich selbst nicht sicher, lobt aber die ausgeklügelte Konstruktion des Textes.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.03.2015

Rezensent Elmar Krekeler ist stark beeindruckt von diesem Buch, in dem Autor Michael Wildenhain eine tragische Familiengeschichte mit dem deutschen Herbst zusammenführt. Der Erzähler, Matthias, hat als Kind seinen Bruder von der Bettkante gestoßen. Seitdem ist der Hochbegabte geistig behindert und lebt in einem Pflegeheim. Dort kümmert sich die 17-jährige Marta um ihn, "ein wildes Mädchen", so Krekeler, in das sich der 14-jährige Matthias verliebt. Sie wird ihn dann in die WGs der RAF-Terroristen der zweiten Generation einführen und seinen Onkel überfallen, einen Strafverteidiger, der einst in Auschwitz Kinder folterte. Das klingt ziemlich abenteuerlich, aber Wildenhain versteht es, seine Protagonisten zum Leben zu erwecken, versichert der Rezensent. Das gelingt ihm vor allem mit einer Sprache, die "aus einer unterkühlten, verknappten Sprödigkeit heraus immer wieder ins geradezu Expressionistische explodiert", so Krekeler. Für ihn hat dieser Roman seinen Platz auf der Shortlist für den Leipziger Buchpreis unbedingt verdient.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.02.2015

Virtuos ist Michael Wildenhains neuer Roman "Das Lächeln der Alligatoren" durchaus, findet Rezensent Frank Schäfer, fügt aber zugleich hinzu, dass dies den Roman nicht unbedingt auch gelungen macht. Denn viel zu konstruiert erscheint dem Kritiker die in den Siebziger Jahren spielende Geschichte um den Kognitionsforscher Matthias, der nicht nur einen an schweren kognitiven Störungen leidenden Bruder hat, sondern auch einen Onkel, der als Hirnchirurg während des Nationalsozialismus geistig Behinderte ohne Narkose operierte. Dass jener Onkel dann auch noch mit Matthias' Freundin, der Pflegerin Marta verbandelt ist, die blassen Figuren darüber hinaus im ohnehin nur spärlich umrissenen Set "blutarme" Dialoge führen, unterstreicht für den enttäuschten Rezensenten nur die Künstlichkeit des Romans.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.02.2015

Jens Jessen ist unsicher, wie er Michael Wildenhains Thriller "Das Lächeln der Alligatoren" deuten soll. Ein Mann, der als Kind den eigenen Bruder beim Spielen so unglücklich aus dem Bett gestoßen hat, dass dieser Hirnschäden davontrug, verliebt sich in eine Frau, die sich als RAF-Terroristin herausstellt und später den Ziehonkel des Protagonisten erschießt, von dem sich wiederum herausstellt, dass er in der NS-Zeit mit Kinderhirnen experimentierte, fasst der Rezensent zusammen. Ob hier sehr gekonnt allegorisch Ebenen deutscher Geschichte in Form eines Thrillers erzählt werden, in dem Schuld und Unschuld, Wissen und Unwissen in der Schwebe gehalten werden, oder ob der Thriller sich nur mit geschichtsphilosophischen "Elementen eines leeren Tiefsinns" schmückt, ist unklar, so Jessen. Der alltagssprachliche Ton lässt hier beide Deutungen zu, verrät der Rezensent, der ob der gezielt produzierten Effekte den Verdacht der Nähe zur "Kitschkunst deutscher Vergangenheitsbewältigung" im Fernsehen jedoch nicht los wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.02.2015

Cornelia Geissler hat mächtig zu tun mit diesem Roman von Michael Wildenhain. Eine harmlose Reise in ein Behindertenheim auf Sylt, meint sie, wird hier höchstens vordergründig erzählt. Dahinter lauern allerhand Spannungsfelder. Eine politische Ebene etwa, auf der der Autor den Deutschen Herbst verhandelt, ein Klima der Gewalt und Verdächtigungen. Eine Wendung und plötzlich erscheinen Figuren in einem anderen Licht, erklärt Geissler. Dass der "große Bogen" von den Euthanasie-Experimenten im Dritten Reich bis zur RAF im Buch funktioniert, verdankt sich laut Rezensentin dem sukzessiven Aufbau und dem sich so steigernden Sog der Geschichte.
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