23. September 1955, ein Gerichtssaal in Ostberlin: Die langjährige Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und ihr Geliebter sind der Spionage für den Westen angeklagt. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen, doch die Staatssicherheit schneidet die Verhandlung mit. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, sind die Bänder zugänglich. Ein Originaldokument über Liebe, Angst und die Furcht der SED-Führung vor westdeutscher Spionage. Zwei Menschenschicksale im Getriebe des Kalten Krieges, ehemals überzeugte Genossen vor einem unbarmherzigen Gericht. Das Feature von Maximilian Schönherr zeigt exemplarisch, wie Rechtsprechung in einer Diktatur funktioniert. Die geschickt gewählten Ausschnitte aus den bisher unveröffentlichten Originaltönen sprechen für sich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2013
Kein anderes Wort als "erschütternd" geht Rezensent Lorenz Jäger durch den Kopf, nachdem er die von Maximilian Schönherr unter dem Titel "Fallbeil für Gänseblümchen" herausgegebenen Originaltöne eines Spionageprozesses aus der DDR gehört hat. Denn der Kritiker erlebt hier nicht nur mit Entsetzen den Schrei der Angeklagten Elli Barczatis und ihres Geliebten Karl Laurenz, die gerade von der drohenden Todesstrafe erfahren haben, sondern lauscht auch fassungslos der schneidenden, "höhnischen" und manchmal jovialen Stimme des Richters Walter Ziegler, der mit "satanischem Instinkt" den Angeklagten, die offenbar für den westdeutschen Geheimdienst unter Reinhard Gehlen gearbeitet hatten, ihre Widersprüche vor Augen führt. Während Jäger diese Tonaufnahme als historisches Dokument lobt, hätte er gern etwas mehr über den für seine harten Strafen berühmten Richter erfahren, der auch für das Anzünden zweier Scheunen durchaus mal die Todesstrafe verhängte.
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