Matthias Politycki

In 180 Tagen um die Welt

Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl
Cover: In 180 Tagen um die Welt
Mare Verlag, Hamburg 2008
ISBN 9783866480803
Gebunden, 392 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Wer eine Reise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe macht, der hat etwas zu erzählen; wer sie als einfacher Finanzbeamter aus dem bayerischen Oberviechtach antritt, den ein Lottogewinn an Bord geführt hat, der kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus: Johann Gottlieb Fichtl, von seiner Tippgemeinschaft mit Motivkrawatten und einem "Aldi-Smoking" aus dem Fundus des Bürgermeisteramtes für seine Reise ausgestattet, macht sich auf, die Welt im Allgemeinen und - vom Penthouse-Deck bis hinunter in die Pumpensümpfe - die von MS Europa im Besonderen zu erkunden. In 184 Shortcuts berichtet er vom aberwitzigen Fünfsterneplus-Alltag an Bord und seinen nicht minder (aber-)witzigen Erlebnissen an Land: Die Reisegesellschaft entpuppt sich dabei mehr und mehr als Kuriositätenkabinett, das auf einem schwimmenden Zauberberg unserer Zeit dem Rausch der Intrigen und Gerüchte frönt - und dabei grandios an Leben und Tod und all dem existenziellen Ernst vorbeifeiert, dem auch die Europa auf ihrer Fahrt durch die sieben Weltmeere nicht entkommt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.07.2008

Enttäuscht hat Rezensent Michael Kothes dieses Buch über die sechsmonatige Reise rund um die Welt als "Schiffsschreiber" auf dem Luxusliner "MS-Europa" wieder weggelegt, das er schwung- und kraftlos fand. Auch rümpft Kothes diskret die Nase über die "drollige" PR-Idee der Reederei. Richtig übel nimmt der Rezensent, dass der Autor hier die Chance verpasst, ein richtig böses Buch zu schreiben, oder wenigstens ein richtig lustiges. Stattdessen schaukele er mit dem Erzähler namens Fichtl eher teilnahmslos durch Themen und Kontinente "Richtung Debilien" und wärme in "monotonem Depechenstil" unterwegs wohl auch allerhand Klischeehaftes vom Whirlpool bis zum Golfsimulator auf.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.05.2008

Rezensent Lutz Lichtenberger kann diesem Roman über eine 180 Tage währende Weltreise auf einem Luxusdampfer nichts abgewinnen. Er möchte besonders die satirisch und wie er findet "unnötig" aufs Korn genommenen älteren Reisenden ritterlich vor dem Autor beschützen. Sollte Politycki mit seinem Buch, in dem der durch einen Lottogewinn zu dieser Reise befähigte Held jeden Tag in einem Bericht nebst Bildbeleg für seine Tipp-Gemeinschaft festhält, Globalisierungskritik und Dekadenzschelte im Sinn haben, dann empfiehlt der wenig begeisterte Rezensent lieber Polityckis Essays, die er wesentlich erhellender findet. Kreuzfahrt-Beschreibungen dagegen lese man amüsanter beispielsweise bei David Foster Wallace, so Lichtenberger, der hofft, dass des Autors im Vorwort erwähnte eigene Luxusreise, die dieser aber keinesfalls als die im Roman geschilderte missverstanden wissen will, substanzieller ausgefallen ist als die fiktionale Weltreise.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2008

Das "entspannte Verhältnis zur Dichtkunst", das Martin Halter dem Autor unterstellt, scheint doch etwas ins Schaukeln zu geraten, wenn Matthias Politycki als Traumschiff-Schreiber anheuert. Zwischendurch jedenfalls meint Halter schon mal Unbehagen und Scham zwischen den ansonsten von der "feinen Beobachtungsgabe" und der Sprachkunst des "höflichen Humoristen" Politycki zeugenden Zeilen zu lesen. Außerdem wird es dem Rezensenten spätestens dann langweilig, wenn dem Autor und seiner Figur, einem Lottogewinner aus Oberviechtach, außer Wetternotaten und Seemansgarn nichts Nennenswertes mehr zu berichten einfällt. Insgesamt erscheinen die Aufzeichnungen aus der Welt der Kreuzfahrer dem Rezensenten "eher amüsant schrecklich als schrecklich amüsant".
Stichwörter

Beliebte Bücher

Juli Zeh. Pony Show - Roman. Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Juli Zeh: Pony Show
Eine prominente Verlegerin unter Mordverdacht. Ein spektakulärer Schwurgerichtsprozess. Und die Frage: Wie verhandelbar ist die Wahrheit? Sie ist über fünfzig, verheiratet…
Shida Bazyar. Die Lücken - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Shida Bazyar: Die Lücken
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre…
Botho Strauß. Bleiben und Blicken. Carl Hanser Verlag, München, 2026.Botho Strauß: Bleiben und Blicken
In Botho Strauß' neuem Buch geht es um die Zeit und ihr Vergehen, um den Zauber der Kunst, um das Originale und das Eigentliche. Vor allem sind es Begegnungen und Nichtbegegnungen,…
Dana Vowinckel. Anton und Alma - Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026.Dana Vowinckel: Anton und Alma
Anton und Alma lernen sich bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen. Jahre später treffen sie sich auf einer Party wieder. Beide kommen aus Berlin und studieren…